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Das Wrack der Queen Elizabeth vor Hongkong

2011 / 2025 © Thomas Gade


Das ausgebrannte Wrack der Queen Elizabeth vor Hongkong. Foto: Hase / Fotoarchiv Gade


Die RMS Queen Elizabeth gehörte zu den berühmtesten Ozeanlinern des 20. Jahrhunderts. Als sie 1938 vom Stapel lief, war sie nicht nur das größte Passagierschiff der Welt, sondern auch ein Symbol britischer Ingenieurskunst und maritimer Ambitionen. Die Reederei Cunard White Star Ltd plante, sie gemeinsam mit ihrem Schwesterschiff, der RMS Queen Mary, im wöchentlichen Transatlantikdienst zwischen Southampton und New York einzusetzen. Die beiden Schiffe sollten die Vormachtstellung Großbritanniens auf dem Nordatlantik sichern – eine Route, die damals als prestigeträchtigste Seeverbindung der Welt galt.

Doch die politische Lage machte diesen Plänen ein jähes Ende. Noch bevor die Queen Elizabeth ihre Jungfernfahrt antreten konnte, brach der Zweite Weltkrieg aus. Die britische Regierung beschlagnahmte das Schiff und ließ es in ein Truppentransportschiff umbauen. Der elegante Ozeanliner erhielt einen grauen Tarnanstrich, die luxuriösen Kabinen wurden entfernt, und an Bord fanden nun bis zu 15.000 Soldaten Platz – mehr als auf jedem anderen Schiff seiner Zeit.

Dank ihrer enormen Geschwindigkeit von rund 29 Knoten und einer Höchstgeschwindigkeit von über 32 Knoten war die Queen Elizabeth schneller als die deutschen U-Boote, die den Atlantik bedrohten. Dadurch konnte sie ohne Geleitschutz fahren und wurde zu einem der wichtigsten Transportmittel der Alliierten. Historiker schätzen, dass sie während des Krieges mehrere Hunderttausend Soldaten transportierte – ein Beitrag, der ihre Bedeutung weit über die zivile Schifffahrt hinaushebt.

Während des Krieges war die Queen Elizabeth eines der wichtigsten Transportmittel der Alliierten – und ihre enorme Bedeutung erschließt sich erst vollständig, wenn man berücksichtigt, dass sie nicht nur Soldaten nach Europa brachte, sondern auch in großer Zahl wieder zurücktransportierte. Auf der Route von Nordamerika nach Großbritannien beförderte sie vor allem amerikanische, kanadische und später auch australische Truppen, die in großen Sammel- und Ausbildungslagern auf ihren Einsatz vorbereitet wurden. Besonders die Häfen an der schottischen Westküste, etwa Gourock und Greenock am Clyde, waren bevorzugte Ziele, da sie gut geschützt lagen und fernab der Zonen, in denen deutsche U-Boote tätig waren.

Nach dem Ende der Kampfhandlungen änderte sich die Aufgabe des Schiffes grundlegend. Nun begann die gewaltige logistische Herausforderung, Hunderttausende Soldaten wieder in ihre Heimat zurückzubringen. Die Queen Elizabeth wurde zu einem der zentralen Schiffe dieser Rückführungsoperation, die später unter dem Namen „Operation Magic Carpet“ bekannt wurde. Mit ihrer enormen Kapazität konnte sie in einer einzigen Überfahrt mehrere Tausend Heimkehrer aufnehmen und in nur vier bis fünf Tagen über den Atlantik bringen. Neben kampferfahrenen Soldaten transportierte sie auch verwundete oder erschöpfte Männer, sofern sie transportfähig waren und keine spezialisierte medizinische Betreuung benötigten.

Durch diese Einsätze in beide Richtungen – zunächst als Zubringer für die alliierten Streitkräfte nach Europa, später als Heimbringer für die Soldaten nach Kriegsende – erreichte die Queen Elizabeth ihre beeindruckenden Transportzahlen. Ihre Geschwindigkeit, ihre Größe und ihre Zuverlässigkeit machten sie zu einem der strategisch wertvollsten Schiffe des gesamten Krieges.

Nach Kriegsende kehrte die Queen Elizabeth in die zivile Nutzung zurück. Gemeinsam mit der Queen Mary dominierte sie in den 1950er-Jahren den Transatlantikverkehr. Die beiden Schiffe verkörperten die „Goldene Ära der Ozeanliner“, eine Zeit, in der eine Atlantiküberquerung nicht nur ein Transportmittel, sondern ein gesellschaftliches Ereignis war. An Bord reisten Filmstars, Politiker, Geschäftsleute und wohlhabende Urlauber. Die Queen Elizabeth bot mehrere Passagierklassen, elegante Salons, weitläufige Promenadendecks und eine Ausstattung, die für viele Reisende den Inbegriff von Luxus darstellte.


Passagierschiff Queen Elizabeth im Hafen von Portsmouth. Foto: Hellmut Münzner


Das Foto aus dem Jahr 1955 zeigt die Queen Elizabeth im Hafen von Portsmouth – einem Ort, den sie zwar nicht regelmäßig anlief, der aber dennoch eine wichtige Rolle spielte. Ihr offizieller Heimathafen war Southampton, doch Portsmouth diente immer wieder als Zwischenstation für Wartungsarbeiten, Inspektionen oder kurze Aufenthalte zwischen den Atlantikreisen. In den 1950er-Jahren befand sich die Queen Elizabeth auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie war ein Symbol des britischen Wiederaufbaus nach dem Krieg und ein technisches Meisterwerk, das weltweit Bewunderung hervorrief. Wenn sie in einem britischen Hafen lag, zog sie regelmäßig Schaulustige an, die das imposante Schiff aus der Nähe sehen wollten.

Passagierflugzeuge verdrängen große Passagierschiffe

Doch die Welt veränderte sich. Mit dem Aufkommen der Düsenflugzeuge in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren verlor die transatlantische Personen-Schifffahrt rapide an Bedeutung. Flugzeuge waren schneller, günstiger und flexibler. Die Passagierzahlen auf den Ozeanlinern sanken dramatisch. 1967 wurde die Queen Mary außer Dienst gestellt, 1968 folgte die Queen Elizabeth. Cunard ersetzte beide Schiffe durch die modernere Queen Elizabeth 2, die zwar für den Transatlantikdienst konzipiert war, aber bald überwiegend als Kreuzfahrtschiff eingesetzt wurde.

S.S. Seawise University

1970 kaufte der chinesische Reeder Tung Chao-Yung, Gründer der Orient Overseas Line, die Queen Elizabeth. Er hatte eine visionäre Idee: Das Schiff sollte zu einer schwimmenden Universität umgebaut werden – der S.S. Seawise University.

Tung war ein leidenschaftlicher Befürworter internationaler Bildung. Er verfolgte aufmerksam das „World Campus Afloat“-Programm, bei dem Studierende aus verschiedenen Ländern auf einem Schiff um die Welt reisten und unterwegs Seminare besuchten. Als dieses Programm in finanzielle Schwierigkeiten geriet, sah Tung darin eine Chance, seine Überzeugung in die Tat umzusetzen. Er war überzeugt, dass die maritime Weltwirtschaft gut ausgebildete Fachkräfte benötigte, und wollte mit einem eigenen Schiff einen Beitrag zur Ausbildung zukünftiger Spezialisten leisten.

Sein Ziel war es, eine schwimmende Universität zu schaffen, die internationale Studienprogramme anbietet und langfristig sogar die Vereinten Nationen bei der Ausbildung maritimer Experten unterstützen könnte. Die Queen Elizabeth sollte das Herzstück dieses Projekts werden – ein Campus auf See, der Studierende aus aller Welt zusammenbringt.

Im Januar 1972 kam es zur Katastrophe. Unter bis heute ungeklärten Umständen brachen an Bord mehrere Brände aus. Zeitzeugen berichteten von Explosionen, und es wurde über verschiedene mögliche Ursachen diskutiert. Während der Löscharbeiten nahm das Schiff Wasser auf, kenterte und blieb seitlich liegend im Hafen von Hongkong zurück.

Trotz des Verlustes der Queen Elizabeth gab Tung seine Vision nicht auf. Er erwarb er ein kleineres Schiff, die SS Atlantic und führte das Projekt gemeinsam mit mehreren Universitäten fort – unter anderem mit der University of Pittsburgh. Daraus entwickelte sich das bis heute existierende Programm „Semester at Sea“, das jährlich Hunderte Studierende auf eine akademische Weltreise schickt. Die Idee, die einst mit der Queen Elizabeth begann, ist nicht mit ihr versunken. Sie lebt also weiter – nur auf anderen Schiffen.

Gerüchte und Spekulationen über die Brandursache

Die Brandkatastrophe von 1972 ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Die zuständigen Stellen in Hongkong sprachen damals von ungeklärten Umständen und verwiesen auf mehrere voneinander unabhängige Brandherde. Diese Angaben führten schon früh dazu, dass neben der Möglichkeit eines technischen oder handwerklichen Unfalls auch andere Erklärungen diskutiert wurden. Eine abschließende, gerichtsfeste Feststellung der Ursache erfolgte jedoch nicht.

Naheliegend ist die Annahme, dass der Brand im Zusammenhang mit den umfangreichen Umbauarbeiten stand. An Bord wurde geschweißt, geschnitten und installiert, und in Teilen des Schiffes befanden sich noch brennbare Materialien aus der Vornutzung. Unter solchen Bedingungen kann bereits ein kleiner Funke genügen, um ein Feuer auszulösen. Dass die Flammen an mehreren Stellen nahezu gleichzeitig ausbrachen, wurde von manchen Beobachtern allerdings als Hinweis darauf gewertet, dass mehr als ein einzelner Unfall im Spiel gewesen sein könnte.

In der zeitgenössischen Berichterstattung und in späteren Rückblicken wurden darüber hinaus auch wirtschaftliche und geschäftliche Motive erörtert. Das Projekt der Seawise University war ambitioniert, kostspielig und von Konflikten zwischen verschiedenen Beteiligten begleitet. Vor diesem Hintergrund wurde gelegentlich die Möglichkeit eines vorsätzlich herbeigeführten Schadens ins Gespräch gebracht. Konkrete Belege für eine solche Annahme sind jedoch nicht bekannt geworden.

Auch politische und emotionale Aspekte fanden Eingang in die öffentliche Diskussion. Die Queen Elizabeth war über Jahrzehnte ein Symbol britischer Seefahrtsgeschichte gewesen, und ihr Verkauf an einen chinesischen Reeder wurde nicht überall mit Begeisterung aufgenommen. In manchen Kommentaren wurde die Frage aufgeworfen, ob verletzter Stolz oder Rivalitäten im internationalen Schifffahrtsgeschäft eine Rolle gespielt haben könnten. Solche Überlegungen bleiben jedoch im Bereich der Spekulation; belastbare Hinweise auf eine gezielte Tat aus diesen Motiven liegen nicht vor.

Die meisten Historiker und Autoren, die sich später mit dem Fall beschäftigt haben, betonen daher vor allem eines: Die Brandursache wurde nie abschließend geklärt. Es existieren unterschiedliche Deutungen und Vermutungen, doch keine davon konnte eindeutig bewiesen werden. Damit bleibt der Untergang der Queen Elizabeth nicht nur ein technisches und wirtschaftliches Ereignis, sondern auch eines der ungelösten Rätsel der Schifffahrtsgeschichte.

Versicherung und finanzielle Folgen

Auch die Frage der Versicherung spielte im Nachgang des Brandes eine wichtige Rolle. Zeitgenössische Berichte deuten darauf hin, dass es zunächst zu Diskussionen und Verzögerungen kam, da die Umstände des Feuers als ungewöhnlich galten und verschiedene Szenarien geprüft wurden. Letztlich wurde jedoch eine Entschädigung gezahlt, deren genaue Höhe nicht öffentlich bekannt wurde. Klar ist, dass Tung Chao‑Yung durch den Verlust der Queen Elizabeth nicht wirtschaftlich handlungsunfähig wurde – im Gegenteil, er war in der Lage, das Konzept einer schwimmenden Universität mit einem anderen Schiff weiterzuverfolgen. Auch hier gilt: Details einzelner Vereinbarungen blieben vertraulich, und viele Einschätzungen beruhen auf indirekten Quellen und späteren Darstellungen.

In den folgenden Jahren wurde das Wrack zu einer kuriosen Touristenattraktion. Ausflugsschiffe fuhren täglich hinaus, um Schaulustigen einen Blick auf den gekenterten Koloss zu ermöglichen. Viele der erhaltenen Fotografien stammen von diesen kleinen Booten, die das Wrack umkreisten. Die Besucher sahen die Queen Elizabeth in einem Zustand, der gleichzeitig erschütternd und faszinierend war: ein gigantisches, schräg liegendes Stahlgerippe, das langsam weiter verrostete.

Das Wrack erlangte sogar eine Rolle in einem Kinofilm. In dem James-Bond-Film The Man with the Golden Gun aus dem Jahr 1974, mit Roger Moore in der Hauptrolle, dient es als ungewöhnlicher Standort für den britischen Geheimdienst. Im Film wird Bond nach Hongkong gebracht und scheinbar verhaftet, doch statt in einer Polizeistation landet er an Bord eines kleinen Bootes, das direkt zum Wrack der Queen Elizabeth fährt. Dort befindet sich ein provisorisches, schräg gebautes MI6-Quartier, dessen Innenräume der realen Schräglage des gekenterten Schiffes nachempfunden sind. Die Produzenten nutzten die damals noch sichtbare Silhouette des Wracks als dramatische Kulisse und machten es damit zu einem der ungewöhnlichsten Geheimdienststützpunkte der gesamten James-Bond-Reihe.

1974 begann schließlich die Verschrottung des Wracks, die sich bis 1975 hinzog. Nicht alle Teile konnten geborgen werden. Hongkong befand sich in einer Phase intensiver Landgewinnung, und so wurden die verbliebenen Strukturen der Queen Elizabeth mit Erde, Sand und Füllmaterial überdeckt. Heute befindet sich an dieser Stelle, über den Resten eines einst legendären Ozeanliners, ein Teil eines geschäftigen Containerhafens.

Beim Stöbern im Fotoarchiv Gade / medienarchiv.com fanden wir diese seltenen Aufnahmen der Queen Elizabeth – später Seawise University – während ihres letzten, traurigen Kapitels im Meer vor Hongkong.


Das ausgebrannte Wrack der Queen Elizabeth. Foto: Hase / Fotoarchiv Gade




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