Wie wird das Wetter?
Thomas Gade 2011 / 2012Maritime Wetterinstrumente
Beim Kauf eines gepflegten älteren Bootes von einem Rentnerpaar blieb maritimer Zierrat aus vergangenen Zeiten an Bord. Dazu gehörten kunstvoll geknotete Taudekorationen, kleine Messingtafeln mit Sinnsprüchen und meteorologische Instrumente in messingfarbenen Gehäusen mit Glasabdeckung. Über maritimen Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, ich mochte die Sachen nicht.
Über maritimen Geschmack lässt sich streiten.
Die drei Geräte, ein Barometer, ein Hygrometer und eine Uhr, hatten ihren Dienst offenbar längst eingestellt. Das Barometer zeigte meist Tiefdruck und Sturm, die Uhr war stehengeblieben und das Hygrometer meldete konstant hundert Prozent Luftfeuchtigkeit.
Man hatte sie außerhalb des Blickfelds des Rudergängers angebracht. Vielleicht war das Absicht, denn bei genauerem Hinsehen wirkten sie eher wie Dekoration als wie funktionale Ausrüstung. Die Meinungen im Bekanntenkreis reichten von "Raus damit!" bis hin zu: "Die sind so schön, lass sie doch hängen!" Ich versuchte vergeblich, Hygrometer und Uhr zu verschenken. Selbst diejenigen, die sich zuvor für ihren Erhalt ausgesprochen hatten, lehnten ab.
Das Barometer landete schließlich bei mir zuhause auf dem Schuhschrank. Aber ich durfte es nicht wegwerfen; das weibliche Besatzungsmitglied sprach sich entschieden dagegen aus. Zuvor hatte sie wenig Interesse an der technischen Ausstattung des Bootes gezeigt, doch war gerade in ihrem Theoriekurs zum Sportbootführerschein Binnen das Thema Wetter behandelt worden. Deshalb hatte das alte Barometer ihre Aufmerksamkeit geweckt. Die unter der Skala stehenden Begriffe wie Regen, Veränderlich und Schön erhielten für sie eine Bedeutung, die von mir nicht hinterfragt werden durfte. Ihr Standpunkt: Dieses Barometer könne nicht nur den Luftdruck anzeigen, sondern auch das Wetter zuverlässig vorhersagen, ungeachtet der offensichtlichen Abweichungen zwischen Anzeige und Realität. Fortan wurde regelmäßig auf das Glas geklopft, um den Zeiger in Bewegung zu bringen. Das Gerät wanderte durch die Wohnung und war zeitweise überall zu finden. An eine Entsorgung war nicht mehr zu denken.
2025 bei SVB: Die klassisch anmutenden Instrumente sind immer noch im Handel und nicht gerade günstig.
Elektrische Wetterstation
2011 gab es noch eine schöne Abteilung für elektronische Geräte bei Karstadt in der Müllerstraße. Dort entdeckte ich moderne Wetterstationen mit digitalen Anzeigen. Auf einigen Verpackungen verkündeten rote Banner: "Weltneuheit" Diese Wetterstationen nutzen keine Sensoren, die draußen lagen und drahtlos Meßwerte einspeisten, um daraus Vorhersagen zu entwickeln, sondern erhielten per Satellit aktuelle Wettervorhersagen. Aber es gab so viele Versionen mit unterschiedlichem Funktionsumfang. Einige boten Prognosen zum Pollenflug und konnten lokale Sturmwarnungen von sich gegen. Preislich bewegten sich die satellitengestützten Geräte in einer Spanne von 50 bis 100 €. Ihr Design war grauenhaft, ein breiter Kunststoffrand um ein graues Display, auf dem schwarz die Angaben zu sehen waren. Doch ihr Funktionsumfang war im Vergleich zu alten Instrumenten beachtlich.Smartphone
Wer ein Tablet oder Smartphone besitzt und Kontakt zum Internet hat, braucht weder analoge noch moderne Uhren oder Wetterinstrumente. Die entsprechenden Apps für maritime Zwecke sind mittlerweile hervorragend und ein Tablet kostet nicht mehr als neue Barometer und Hygrometer in messingfarbenen Gehäusen.
Verregneter Sommer. Solche Vorhersagen möchte man im Juli nicht sehen.
Auf den hochauflösenden Displays dieser Geräte werden die entsprechenden Anwendungen zum Wetter in Bewegung und Farbe dargestellt. Der Funktionsumfang ist überwältigend. Sehr gut aufgearbeitete Daten aus hochprofessionellen Quellen werden ansprechend präsentiert. Per Internet sind präzise lokale Prognosen für die nächsten Stunden abrufbar, die sich qualitativ deutlich von den regionalen längerfristigen Vorhersagen abheben. Zudem gibt es zahlreiche Apps für die Navigation und das Tracking der eigenen Bewegung nicht nur zu Wasser, sondern auch zu Lande und in der Luft. Wer die Hardware und eine gute Internetverbindung hat, wird auf zusätzliche Technik verzichten.
Wetteronline: Hübsche Bilder täuschen nicht darüber hinweg, dass 14-Tage-Wetter-Vorhersagen unzuverlässig sind.
Regenradar
Qual der Wahl?
Wer sich ein Boot zur Freizeitgestaltung anschafft, möchte vor allem Freude daran haben. Dabei darf der persönliche Geschmack ruhig den Kurs bestimmen. Manche schätzen das nostalgische maritime Ambiente aus Messing, Teakholz und Tauwerk. Andere leben längst in enger Symbiose mit ihrem Smartphone, das bei jeder Entscheidung zu Rate gezogen wird. Wieder andere bevorzugen satellitengestützte Technik, aber möglichst ohne laufende Internetkosten. Der Markt bietet für alle Vorlieben passende Lösungen.Und nicht zuletzt gilt: Digitale Technik kann ausfallen. Spätestens dann sind klassische analoge Messinstrumente, die unabhängig von Strom funktionieren, eine verlässliche Alternative.
Kommentar:
Sören / 23. Mai 2012 um 09:30 Uhr Sehr treffend beschrieben. Wir haben alles von Alt bis Neu an Bord, aber ich nutze nur mein iPhone. Wenn möglich, halte ich die alten Pseudomessingdinger auf dem blinden Fleck. Das gelingt mir fast automatisch. Meine Frau findet sie schön.
„Die Leute wollten keine Wetterstation, sie wollten ein Gefühl.“ So beginnt Herr H., einst Hersteller maritimer metereologischer Meßinstrumente, heute in seinen späten Siebzigern, seine Erzählung. Wir sitzen in seiner Schrebergartenlaube zwischen Gartenzwergen und vergilbten Seekarten an den Wänden. Die Fenster stehen offen, ein Barometer hängt über der Kaffeemaschine. Er zeigt darauf: "Gucken Sie mal! Sieht doch gut aus und zeigt „Veränderlich“. Das ist meistens passend."
„Ich habe nie behauptet, dass unsere Geräte echte Messinggehäuse hatten. Woher denn auch? Ich hatte einen Cousin in Solingen, der konnte Bleche stanzen wie kein Zweiter. Und die Optik, die musste sitzen. Antik, maritim, aber bezahlbar. Das war unsere Nische.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee, blickt versonnen auf das Hygrometer an der Wand, das seit Jahren unerschütterlich 100 % Luftfeuchtigkeit anzeigt. Es sei ein Prototyp, sagt er, und lächelt wie ein Kapitän, der heimlich den Kompass manipuliert hat.
„Unsere Kunden waren keine Seefahrer, sie waren Träumer. Leute, die sich ein kleines Boot kauften und davon ausgingen, dass sie dadurch irgendwo zugehörten. Und wir lieferten ihnen die passende Kulisse."
Er zeigt auf einen Karton mit alten Produktfotos. Barometer, Uhr, Hygrometer – glänzend, golden, aber leicht. „Nicht schwerer als ein Sandwich“, sagt er. Aber die kamen gut an, tun sie immer noch.
„Ich erinnere mich an einen Kunden, ein Zahnarzt aus Essen. Der schrieb mir einen Brief – handschriftlich! – dass seine Frau wegen ihres schönen Barometers wieder mit ihm segeln wolle." Jetzt wird er kurz still. Die Beichte, so scheint es, kommt nicht mit Reue, sondern mit einem liebevollen Blick auf eine Ära, in der Illusionen Teile seines Geschäfts waren.
„Natürlich gab’s auch Nörgler. Die wollten Genauigkeit. Zahlen, Skalen, Zertifikate. Ich hab denen höflich empfohlen, sich bei einem meteorologischen Institut umzusehen. Dafür waren wir nicht zuständig.“
Ein Windstoß lässt das Barometer klirren. Herr H. sieht es an, nickt und sagt leise:
„Wissen Sie, unsere Instrumente haben Stimmungen geschaffen. Und meistens reichte das.“