Oxly Boote

Die Reiherkolonie auf den versunkenen Lastkähnen

Nieder-Neuendorfer See und Havel-Oder-Wasserstraße / Spuren der ehemaligen DDR Grenze
Juni 2012 @ Thomas Gade

Ab der Insel Valentinswerder verläuft der Fluss Havel zunächst zwischen Spandau und Tegelort, dann entlang der Neuendorfer Heide auf der linken Seite und Konradshöhe auf dem gegenüberliegenden Ufer weiter bis zum Nieder-Neuendorfer See, der von einer weit in ihn hineinragenden, lückenhaften schmalen Landzunge geteilt wird. Hier beginnt oder endet Berlin.

Dem Boot stehen drei Möglichkeiten für die Weiterfahrt offen. Linkerhand geht es in den Havel-Kanal nach Paretz, Geradeaus, sich links haltend, gelangt man auf die Havel-Oder-Wasserstraße (HOW) und rechts in den Nieder-Neuendorfer See (auch Niederneuendorfer See), der bald endet. Den Bootsfahrern wird die bereits genannte Landzunge auffallen. Sie erscheint wie eine baumbewachsene Inselgruppe mit kleinen und größeren Lücken bis zum Erreichen des Waldes auf den sogenannten Schwimmhafenwiesen. Beim genauen Betrachten der Oberfläche zwischen den Inseln sind einige aus dem Wasser ragende Gegenstände zu sehen. Ein Gefieder putzender Schwan scheint auf dem Wasser zu stehen. Er läßt die Untiefe ahnen, die merkwürdigerweise nicht mit warnenden Tonnen oder den üblichen gestreiften Stangen markiert ist, die auf Hindernisse hinweisen. Ein ahnungsloser Bootsfahrer könnte durch eine Lücke vom Nieder-Neuendorfer See in die Havel-Oder-Wasserstraße oder umgekehrt fahren wollen und eine böse Überraschung erleben, wenn das Boot auf den festen Grund stößt, der nicht aus weichem Sand besteht, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Metall. Des Rätsels Lösung liegt in der Geschichte dieses Ortes.


Versenkter Lastkahn

1945 verlor Deutschland den zweiten Weltkrieg und wurde in besetzte Zonen aufgeteilt. Berlin wurde zur geteilten Stadt. Der Kalte Krieg führte zum Eisernen Vorhang. Flüsse und wichtige Binnenwasserstraßen nahmen nicht immer Rücksicht auf die Grenzlinien zwischen den Besatzungszonen. Die Grenzen verliefen durch Gewässer, wie den Nieder-Neuendorfer See, dessen westliche Seite in Brandenburg eine Fortsetzung des Havel-Oder-Kanals bildete, während die östliche Seite zu Heiligensee in West-Berlin zählte.

Der Schiffsverkehr auf der Havel führte durch den westlichen Teil Berlins, was im Sowjetischen Sektor nach der gescheiterten Blockade Westberlins (1948 / 1949) auf wenig Gegenliebe stieß. Daher wurde von 1951 bis 1953 im Eiltempo der Havel-Kanal gebaut, ein Abzweig von der Havel-Oder-Wasserstraße, der den Binnenschiffsverkehr der DDR um West-Berlin herum leitete.

Zur Absicherung der Grenzen wurde am Abzweig des Oder-Havel-Kanals zum Havelkanal ein Kontrollpunkt für die sektoren- und grenzüberschreitende Binnenschifffahrt geschaffen.


Linkes Ufer: Hennigsdorf im Bundesland Brandenburg, ehemals Teil der DDR
Rechtes Ufer: Heiligensee, Ortsteil von Berlin, ehemals zu West-Berlin gehörig.
Der Nieder-Neuendorfer See gehörte größtenteils zu West-Berlin.


Um innerhalb des Nieder-Neuendorfer Sees eine Kanalisierung und Teilung zu schaffen, wurden in einer Reihe mehrere mit Erde und Bauschutt gefüllte Binnenschiffe versenkt. Eine künstliche Mole entstand, die heute durch den Bewuchs mit Baumen einer schmalen langen naturbelassenen Insel gleicht, auf der Kormorene und vor allem Graureiher nisten.




Das Heck des Binnenschiffs ragt aus dem Wasser. Der übrige Schiffskörper liegt knapp unterhalb der Wasseroberfläche und ist ein gefährliches, völlig unzureichend gekennzeichnetes Hindernis zwischen der Oder-Havel-Wasserstraße und dem Neuen-Niederdorfer See.




Der im Wasser stehende Schwan läßt die Untiefe erkennen.


Die Natur überwuchert ein Binnenschiff, das längst nicht mehr als Mole dient. Die nur mit dem Boot erreichbare Insel ist zum abgelegenen Brutplatz für Vögel geworden.


Graureiher am Nest

Kaum erkennbar zwischen dem grünen Laub sind die Nester der Graureiher / Fischreiher aus hellen Zweigen. Erst das Auffliegen eines Vogels lenkt den Blick des Beobachters auf den Ursprungsort. Wer genau hinsieht, entdeckt die Jungvögel in den Nestern. In der zweiten Juniwoche lernen sie fliegen. Dann kommen die Eltern nur noch selten mit Beute zum Nachwuchs. Er ist auf sich selbst gestellt, verbleibt aber noch einige Tage in Gemeinschaft mit den anderen beim Nest. Wer einen Fisch erbeutet, tut gut daran, ihn abseits der anderen zu verzehren, um ihn nicht im Streit zu verlieren, denn hungrig sind sie alle. Die Havel und der Niederneuendorfer See bieten genug Nahrung für alle, doch erbeuten muss sie der junge Vogel nun selbst.