Fahrt auf dem Containerschiff

Monika und Hans-Jürgen Haardt unternahmen zwischen 2002 bis 2011 mit ihrem Boot Lena, einem 12,65 Meter langen Motorboot,  diverse große Fahrten. Sie fuhren im Mittelmeer, überquerten den Atlantik, besuchten die Karibik, USA, Kanada und die Kanarischen Inseln.  Zwischen 2002 und 2006 legten sie ca. 15.000 Seemeilen zurück.  2011 wurde das bewährte Boot in andere Hände gegeben, aber die See ließ das Ehepaar nicht los.  Sie probierten eine Alternative zum eigenen Boot und  fuhren auf dem Containerschiff MS Henneke Rambow mit. (30.8. – 5.9.2011)

von  © Hans-Jürgen Haardt

Wenn man nicht der begeisterte Kreuzfahrer ist, kann man ja auch bei der Berufsschifffahrt mitfahren. Ganz ohne Unterhaltungsprogramm und nur zum Zuschauen, endlich mal wieder viel Wasser sehen und immerhin mit Vollpension. Ganz ohne irgendeine Verantwortung, eben nur als zahlender Passagier. Wir haben das eine Woche lang ausprobiert, vermittelt wurde die Tour von Pfeiffer-Reisen. Wir wollten eigentlich Richtung Finnland mitfahren, Hamburg, Kotka, Hamburg mit ein paar Häfen dazwischen. Aber wie das bei der Frachtschifffahrt so geht, wurde es dann Hamburg, Göteburg, Hamburg und statt 8 – 10 Tagen nur 6 Tage. Die Abfahrt verschob sich vom 27. 8. auf den 30. August. Nichts weltbewegendes, über die Änderungen hat uns der Agent etwa eine Woche vor Abreise informiert.

Zu den Kosten: 765 Euro pro Person, abgerechnet wird taggenau. Die Rücküberweisung für die bei uns nicht genutzten drei Tage kam prompt und ohne jedes Problem. Die Vorabinfos des Vermittlers waren gut, im Internet gabs auch genug Reiseberichte etc. Soweit die Vorgeschichte. Wir haben uns also ins Auto gesetzt, von Winnemark nach Hamburg dauert es je nach Verkehrslage zwischen knapp zwei und sechs Stunden. Wir sind mit genug Reserven losgefahren, deswegen gab es keinen Stau und sonst was. Nur mein Navi war mit der Streckenführung am Containerterminal Altenwerder ziemlich überfordert. Immerhin waren wir gut eineinhalb Stunden vor dem Anlegen unseres Schiffes am Pförtner des CTA. Die erste Auskunft dort: nee, die Henneke Rambow kommt hier nicht hin. Zweite Antwort (nach leichter Intervention): Doch, sie kommt, wir sind sogar angemeldet, nur wann sie kommt?? Wir wurden zu der Bushaltestelle des Shuttle-Busses verwiesen, ein Parkplatz fürs Auto fand sich ganz in der Nähe auf einem Parkstreifen. Nach der ersten Stunde warten bin ich wieder zum Terminal-Pförtner, dort sah man sich völlig ausserstande, mal nachzuhören, wo die Henneke denn bleibt, Theoretisch sollte sie ja schon seit 15 Uhr angelegt haben. Die Frachter-Telefonnummer war nicht zu erreichen, also mal beim Vermittler nachgefragt. Dort kam relativ prompt die Antwort, dass wir wohl so gegen 16 Uhr an Bord könnten. Und so war es dann auch. Der kleine Bus brachte uns quer durch das Containerterminal direkt vor das Schiff, ein nettes Besatzungsmitglied begrüsste uns, schnappte sich die beiden Reisetaschen und schon waren wir die auf dem Weg nach oben. Nach vier Stockwerken und gefühlten 200 Stufen (in Wirklichkeit wohl nur um die 50) öffnete sich die Tür zur Kammer, hinter der sich eine richtige kleine Wohnung verbarg. Auf den Kreuzfahrern heisst die Grösse sicher Suite mit Aussenbalkon. Hier ein paar Bilder:

Kabine - 01

Kabine

Kabine - 02

Mit Telefon und Schreibtisch

3

Mehrere Zimmer

Ach so, der Aussenbalkon maß etwa 12 m x 2,5 m.

Schnell unsere Sachen eingeräumt, mal einen Blick nach draussen geworfen und schon ist Zeit fürs Abendessen. Und ganz prima, weder das kleine Schwarze noch ein dunkler Anzug sind angesagt, Jeans und ein Pullover tun es hier. Wir werden an den Tisch, der für den Kapitän und dem Chief in der Messe steht, gesetzt, woanders ist auch kein Platz. An dem zweiten Tisch sorgt der Koch für die restlichen Dienstgrade. Wer da was ist, kann man nur durch Fragen rausfinden, Uniformen oder dergleichen gibt es nicht. Und viel Zeit zum Essen hat die Besatzung nicht. Hier richtet sich, was auch nicht verwunderlich ist, alles nach dem Schiff und dem Hafen. Wir kommen uns als Gäste da schon mal etwas seltsam vor. Zur Begrüssung hat uns der Smutje ein drei Gänge Menue bereitet, gut, aber viel zu viel. Ihm macht es allerdings richtig Spass, wenn seine Kunden ordentlich zulangen. Wir brauchen ein paar Tage, bis ihm eingeht, dass wir nicht mehr, als eine warme Mahlzeit schaffen. Trotzdem kriegt er es manchmal hin, wenigstens etwas warmes auch Morgens und Abends dazwischen zu schummeln. Über das Essen kann man also nicht maulen, viel Abwechselung, auch mal gesund und immer genug. Zwischendurch gibt es noch zweimal Kaffee oder Tee und dazu, wenn man will (wir wollen nicht) auch noch ein Brötchen, Toastbrot usw. Saft und Wasser gehört zum „äll inclusive“, für die vermutet langen Abende haben wir einen Karton Becks und Mineralwasser erstanden, hier ist die Auswahl eher begrenzt.

Und etwas ungewohnt, aber verständlich, beim Essen läuft der Fernseher. Eine nachführende Schüssel sorgt rund um die Uhr für deutsches Programm. Wann soll sonst auch der Info-Bedarf von Käptn und Chief gedeckt werden? Wir haben da natürlich viel mehr Zeit (und wundern uns gelegentlich, was für einen Schrott unsere öffentlich rechtlichen Sender morgens zwischen sieben und acht so anbieten). Nach dem Essen geht’s wieder in den vierten Stock und da fängt uns das vollautomatisierte Containerterminal Altenwerder erstmal ein. Im Moment wird gerade beladen. Die Container kommen auf unbemannten Transportfahrzeugen zu den Ladebrücken. Dabei geht das ganz flott und keiner fährt den anderen an oder um. Anscheinend finden die Maschinen auch ganz selbstständig aus den gewaltigen Lagerbereichen die richtige Position, die als nächstes aufs Schiff soll. Ziemlich beeindruckend. Wenn da nicht die Frage nach den nun nicht mehr gebrauchten Fahrern wäre. Finden die alle einen ordentlich Ersatzjob? Na ja, wir werden die Welt hier auch nicht spontan ändern.

Kaum liegt man im (sehr bequemen) Bett, läuft kurz nach 23 Uhr die Hauptmaschine an. Gut zu hören und auch die Schwingungen finden bis hier rauf. Die Henneke Rambow legt direkt ab, es geht die Elbe runter Richtig Kiel Kanal nach Brunsbüttel. Derweilen es draussen ziemlich duster ist, bleibt der Fotoapparat ohne Arbeit, ein Bild reicht.

6

Nacht

Die Nacht vergeht, ich wache schon mal zwischendurch auf, aber man gewöhnt sich schnell an das Maschinengeräusch. Zeit zum Aufstehen ist fast wie früher: um 6:30 ist wecken (wenn man denn will, niemand, ausser dem Frühstück, nötigt einen). Danach schauen wir dem Kanal-Lotsen und dem Kanal-Steuerer auf der Brücke bei der Arbeit zu. Und besichtigen aus angenehmer Höhe den Verkehr auf dem Nord-Ostsee Kanal. Was direkt vor dem Bug unseres Schiffes stattfindet, kann man natürlich nicht sehen. Weil es nun hell ist, gibt es ein paar Bilder der Kanal-Passage:

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Nord-Ostsee Kanal

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Rendsburger Schwebefähre

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Nord-Ostsee Kanal, Dreimaster

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Containerschiff unterwegs

Die Kieler Förde liegt hinter uns, wir sind unterwegs Richtung Grosser Belt, die Henneke läuft 17 kn und die Ostsee ist ein Ententeich. Schiffsbewegungen sind nicht fühlbar. Wir geniessen die offene See, bis die Brücke über den Belt in Sicht kommt. Die will natürlich abgelichtet werden:

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Große Belt Brücke voraus

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Große Belt Brücke

Und kaum sind wir unter der Brücke durch, wird das Wetter richtig schön, die Sonne kommt durch und lässt das graue Schleswig-Holstein vergessen. Unser erster Hafen ist übrigens Helsingborg, den sollen wir aber erst kurz vor Mitternacht erreichen. Vorher bekommen wir eine Sicherheitseinweisung, die darf ein deutscher Azubi unter Aufsicht machen. Ja, weil die Henneke unter deutscher Flagge fährt, wird hier auch nach allen Regeln der Kunst ausgebildet. Und also ist auch die Unterweisung in Ordnung. Wir werfen mal einen Blick in das Rettungsboot und auf seine Sitzordnung und werden natürlich aufgeklärt, dass man da nur einsteigt, wenn wirklich alles zu spät ist. Netterweise dürfen wir uns auf dem Schiff ausserhalb der Häfen frei bewegen, die Brücke ist da inklusive. Also wandern wir mal bis zum Bug und stellen fest, das es dort genauso aufgeräumt und ordentlich aussieht, wie auf dem ganzen Schiff.

Helsingborg verschlafen wir dann, Ankunft war mitten in der Nacht, abgelegt 6:45. Nur der zwischendurch abgestellte Diesel fehlt, man gewöhnt sich doch schnell an seine Geräusche. Bis Halmstad sind es nur ein paar Stunden, so haben wir nach dem Frühstück nur wenig Seefahrt, können aber dafür aber um 10 Uhr beim Anlegen zugucken. Das klappt, wie auf der ganzen Reise, perfekt. Nicht ganz so perfekt ist der Kranfahrer, der die Container ablädt. Das System ist allerdings auch nicht vergleichbar mit den Ladebrücken, die es sonst überall gibt.

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Hafen

0

Containergeschirr / Spreader

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Bewegen eines Containers

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Container auf der Pier

Vom Container aufnehmen bis zum Absetzen braucht er im Extrem fast 20 min, auch der Durchschnitt ist etwas mässig. Wie gut, das das nicht unser Problem ist. Leider steht nicht so recht fest, wann es hier weiter geht . Schliesslich legen wir um kurz vor 18 Uhr ab. Ob wir allerdings in Halmstad viel verpasst haben, weiss auch keiner. Bei WNW 4 und Sonne kommen wir am 2. August kurz nach Mittag in Göteborg an und sind abends schon wieder unterwegs Richtung Kopenhagen. Zwischendurch gibt es prachtvolle Landschaft und einen alten Bäderdampfer zu sehen. Und welche Überraschung: viele Container.

Für die lange Hafenzufahrt gibt es mal wieder einen Lotsen, der diesmal schon eher dem Standardbild eines skandinavischem Wikingers entspricht. Sicher ist er aber schon in festen Händen, nur anschauen ist ja erlaubt, meint die Damenwelt (hier vertreten durch meine Frau).

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Insel

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Begegnung mit einem anderen Schiff

Aber es gibt ein echtes Highligt; der Chief zeigt mir die Maschine. 12 Zylinder Viertakt, 7900 kw und neu für mich: konstante Drehzahl 500 upm, per Getriebe auf 120 upm für den Prop reduziert und auf 1500 upm hoch gesetzt für den Wellengenerator. Der Schub in beide Richtungen wird durch den Verstellpropeller zwischen 0 und 100% reguliert. Der beste Betriebspunkt liegt bei 90%, dann laufen etwa 180 g Brennstoff /kw durch die Düsen. Ruder ist ein Becker-Ruder und die Bugschraube hat einen e-Motor als Antrieb. Sonst gibt es lauter Dinge, die Lena auch hatte, nur viel schöner und grösser. Nur die Zentrifugen und die Vorheizung für den Brennstoff brauchten wir nicht. Na ja, und noch ein paar Kleinigkeiten. Ansonsten alles sehr sauber, aufgeräumt und bestens in Schuss. Hier noch ein paar Schiffsdaten der Henneke Rambow von der Rambow-Reederei :

Baujahr: 2007
Werft: J. J. Sietas Schiffswerft , Hamburg
Typ: 168
Länge / Breite / Tiefgang: 134,44 m / 22,50 m / 8,71 m
Tragfähigkeit: 11.360 tdw
Containerstellplätze: 868 teu
Geschwindigkeit: 18,5 kn
IMO Nummer: 935 44 30
Maschine: MAK 9 M 43
Maschinenleistung: 7.900 kW
Besonderheiten: Eisklasse E 3, Open Top Containerschiff

Und die Bedienelemente für Ruder und Fahrt auf der Brücke sind ganz kleine Joysticks, während die Bildschirme des Plotters, Radars usw. eher sehr gross sind. So, genug der Technik. In Kopenhagen schweigt der Diesel um 5:30, das gibt glatt noch eine Stunde Zeit zum Weiterschlafen. Danach geht’s zum Frühstück (mit Frühstücksfernsehen) und anschliessend sehen wir der bisher schnellsten Containerverladung zu. Wir sind zwar an diesem Vormittag der einzige Kunde, aber hier braucht man (ohne Automatisierung) nur etwa 1 min pro Container. Ob die hier ne Wette laufen haben und einen neuen Rekord aufstellen wollen? Jedenfalls könne wir schon um 14 Uhr wieder weiter, diesmal geht’s nach Bremerhaven, da sollen wir am Sonntag, den 4. August ankommen. Vorher können wir in Kopenhagen aber noch ein paar Kreuzfahrer anschauen, einer liegt direkt neben uns im gleichen Hafenbecken. Sehr gross und mit unglaublich vielen Kabinen. Nichts für uns, aber die Geschmäcker sind ja glücklicherweise verschieden. Weil auf so einem Schiff ja immer alles bestens aussehen muss, darf die dafür zuständige Crew auch mal den Anker und das drum herum putzen. Das hatten wir bis dahin auch noch nicht gesehen. Beim Auslaufen gibt es gleich noch einige Exemplare von Kreuzfahrschiffen zu sehen.

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Kreuzfahrtschiff

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Kabine an Kabine

Die Kieler Förde liegt hinter uns, wir sind unterwegs Richtung Grosser Belt, die Henneke läuft 17 kn und die Ostsee ist ein Ententeich. Schiffsbewegungen sind nicht fühlbar. Wir geniessen die offene See, bis die Brücke über den Belt in Sicht kommt. Die will natürlich abgelichtet werden:

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Ablegen, Ruder hart Backbord

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Ein grosser Bruder

Am Montag bleibt nur noch die Rückreise nach Hamburg. Um viertel vor vier Uhr nachmittags gehen wir von Bord und fahren nach Hause. Und natürlich regnet es nun auch wieder.

Fazit: die Woche war richtig interessant, man bekommt schon einen Eindruck von der Arbeitsbelastung bei der christlichen Seefahrt, sieht aus der Nähe die Containergschichten und das Umgehen mit einem Berufsschiff. Landgang Chancen sind eher gering und für Unterhaltung muss man selber sorgen. Da ist ein etwas grösseres Schiff evt. besser, weil noch ein paar Passagiere mehr an Bord sind. Die Besatzung hat wirklich was anderes zu tun, als die Gäste zu betreuen. Aber man bekommt, frei von jeder Verantwortung mal wieder die See zu sehen, wird gut gefüttert, kann sich bewegen oder ausruhen und lernt (wie immer) was dazu. Das wird wohl nicht unsere letzte Reise auf einem Frachter gewesen sein.

 

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