Gelaber beim Segelmacher

Berlin. Freitag, spätnachmittags. Der Segelmacher rief an. Er hatte die verschlissenen Nähte unseres Bootsverdecks erneuert. Wir konnten es abholen, ginge es gleich? Das war etwas zu plötzlich, aber am nächsten Tag fuhren wir hin. Verabredet waren wir um 11 Uhr in seiner Werkstatt, von der wir bis dahin nicht sicher waren, dass es sie tatsächlich gab. Bisher hatten wir im Vorübergehen auf dem Gelände eines Bootshauses bei zufälligen Begegnungen kommuniziert und unser Verdeck in einer beinahe konspirativen Stimmung auf dem Parkplatz von Kofferraum zu Kofferraum überreicht.

Wir wollten die Arbeit prüfen, sie bezahlen und anschließend in den nahegelegenen Park Rehberge fahren, um das sonnige Herbstwetter zu nutzen. Das Vorhaben wurde arg auf die Probe gestellt. Wir fuhren zur Werkstatt. Der Segelmacher saß an einem riesigen Tisch, der ein fast vollständig durchgehender zweiter Boden im Zimmer war. An einer Aussparung stand die Nähmaschine. Daneben war mit Kuli auf das Holz geschrieben:  „1 Minute Nähmaschine – 0,61 €“

Der Segelmacher freute sich über unser Erscheinen und hatte es nicht eilig, uns unser Bootsverdeck vorzuführen. Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und zeigte uns einen Laubfangsack für ein Gartengerät, den er aus einem feinmaschigen Gewebe nähte. „50 €. Eigentlich zuviel angesichts der Neupreise für einen ‚Laubsauger.“, meinte unser Gastgeber.

Dann erfuhren wir allerhand Klatsch und Trasch aus den Bootshäusern am Tegeler See. Liegeplatzpreise, Stegzustände, Hygienezustände in den sanitären Anlagen, dies und das. Eine Betreiberin berechnete 1 € pro Dusche ohne warmes Wasser. Es wurde 12 Uhr. Wir waren bei der Geschichte über die Beschaffung seines eigenen Bootes angelangt. Durch einen Eingabefehler bei Ebay war er auf ein Boot gestoßen, das der Anbieter mit demselben Schreibfehler eingestellt hatte. Zudem wurde der Verkäufer gerade bei Ebay in den Feedbacks als Betrüger geoutet. Er hatte sich gerade von seiner Frau getrennt, die daraufhin allerhand Zeug unter seinem Namen bei Ebay anbot, das Geld kassierte und die Ware nicht abschickte. Der Mann fiel aus allen Wolken. Für unseren Segelmacher war das ein Glücksfall. Zum Spottpreis bekam er ein schönes Boot. Es stand in Ostfriesland und mußte nach Berlin gebracht werden. 8,30 Meter, Stahlrumpf und schwacher 6 PS Hilfsmotor. Die Reise dauerte 6 Wochen. Sie fand im November und Dezember statt. Es war kalt. Danach kannte er sein Boot in und auswendig.

Schlinge neben Schlinge.

Schlinge neben Schlinge.

Die genannten sechs Wochen führten in die nächste Geschichte. Er kannte einen, der sich einen Liegeplatz für sein Boot gemietet hatte. Der Mann wohnte auf dem Boot und meldete den Hafen polizeilich als Wohnort an. Nach sechs Wochen ging er zum Hafenmeister und fragte, wo er seinen Briefkasten anbringen konnte. Laut Segelmacher reichte es aus, die Miete sechs Wochen bezahlt zu haben und ordentlich angemeldet gewesen zu sein, um einen Anspruch auf einen Briefkasten zu haben. Der Hafenmeister durfte einen dann auch nicht mit veränderten Regeln konfrontieren. Ein bestehender Mietvertrag galt. War der Status des gemeldeten Wohnens im Hafen erstmal erreicht, bestanden Schutzrechte. Dann war der Vertrag seitens des Hafenbetreibers nicht leicht zu kündigen und eine Erhöhung der Liegeplatzgebühr war ebenfalls nicht drin. Den Wasser- und Stromanschluss zum Boot konnte er berechnen, aber keinen Zuschlag für eine größere Mülltonne. So leicht wurde man den Dauerbewohner nicht mehr los. Eine juristische Überprüfung der Aussagen konnten und wollten wir nicht vornehmen.

Ob wir schon mal ein Bootsverdeck aus zwei Lagen Stoff gesehen hätten, wie in den besseren Cabrios, wo unter dem robusten wetterfesten Außenstoff noch ein hübscher ‚Himmel‘ im Wageninneren vorhanden war, ging es weiter. Als Nichtraucher wurde mir im Qualm der Selbstgedrehten schon ein wenig schwindelig. „Ja, ich rauche zuviel“, bemerkte er, und drehte eine Neue. Er entwarf rasch eine Sprayhood mit ‚Himmel‘ auf dem Papier. „Nächstes Jahr kannste eine sehen, dann habe ich sie an Bord.“, hieß es.

Dann erfuhren wir, dass er mal ein Stahlboot zerschnitten hatte. Die Stahlplatten und die Bleigewichte hatten ihm 1500 € beim Schrotthändler gebracht. „Zwei Tage Arbeit. So schnell habe ich noch nie soviel verdient.“ Die Geschichte war spannend und dauerte ca. 15 Minuten, in denen wir erfuhren, wie schwer eine 1,20 x 2 Meter große und 3mm dicke Stahlplatte war und wie man sie bewegte. Das Blei im Kiel bestand aus zahlreichen backsteingroßen Barren.

Kurz vor 13.30 Uhr zog er unsere Kiste heran. Wir begutachteten sein Werk. Die Nähte sahen gut aus. Nun wurde uns mit mehreren Mitteln das Reinigen und Polieren der durchsichtigen PVC-‚Fenster‘  vorgeführt. Ein paar kleinere, durch ein von mir durchgeführtes Bad in chlorhaltigem Wasser stumpf gewordene Stellen sollten mit vinylhaltiger Möbelpolitur wieder Glanz bekommen. Andere Mittel waren zu aggressiv. Guter Tipp, wir merkten ihn uns.

Vor dem Gehen ging es mit der Planung der Reparatur eines konkreten Bootsliegeplatzes, den wir ins Auge gefasst hatten, weiter. Dessen Holz war schon ziemlich morsch. „Ist doch kein Problem. An den Baustellen an der Straße gibt es dicke Bohlen. Gib den Arbeitern eine Kiste Bier und nimm welche mit. Ich helfe dir, die ordentlich auf der alten Bohle zu befestigen. Dafür kannst du den Preis für das erste Jahr drücken.“

Wir schafften es schließlich noch in den Park zu kommen und ein paar Schritte bei Sonnenlicht zu laufen.

Auch das, beziehungsweise gerade das, ist Bootfahren. Geschichten zwischen Mythos, Wahrheit und Seemannsgarn. Interessant und unterhaltsam. Wer sie nicht mag, sollte dem Wasser und allen, die mit Booten zu tun haben, fernbleiben, denn dort und mit ihnen sind sie immer allgegenwärtig.

Eine Antwort auf: Gelaber beim Segelmacher

  • Björn

    Diese Schnackerei findet ums Boot immer wieder statt. Alleine das Gesabbel in den Vereinslokalen ist eine ständige Gratwanderung zwischen Wahrheit und Fantasie mit Seitensprüngen in beide Richtungen.

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