Aktionismus in der Corona-Krise

März 2020. Berlin.  Die Ausgangs- und Versammlungsbeschränkungen trafen viele Wassersportler hart. Ihre Boote standen noch an Land. Sie sollten Ende des Monats oder Anfang April ins Wasser gekrant oder geslippt werden. Sportvereine fühlten sich jedoch durch die Corona-Vorschriften vom 14. März dazu nicht mehr berechtigt und sagten die vereinbarten Termine ab. Ob das immer angemessen war, mochte man bezweifeln, weil die Bootseigner in ihren Autos warten konnten, bis sie der Reihe nach  aufgerufen wurden. Einige angepasste Verhaltensregeln, wie beispielsweise Verbote, selbtgebackene Kuchen und Stullen zu verteilen oder Plaudergruppen zu bilden, hätten das Infektionsrisiko sicherlich verringert. Aber dazu mussten alle mitmachen und die Vereinsvorsitzenden kannten ihre Pappenheimer.

Mein Boot lag nicht auf einem Vereinsgelände, sondern bei einem gewerblichen Vermieter von Bootsliegeplätzen. Hier galten die Verbote für Vereine und Sportanlagen (noch) nicht.  In der Praxis unterschied sich das dortige Miteinander nicht sehr vom allgemeinen Vereinsleben. Es kostete einige Euro mehr. Dafür gab es keine anstrengenden Vereinsversammlungen, Arbeitsstunden oder Rituale und Zusammenkünfte, denen man nicht fernbleiben konnte. Bei uns kümmerte sich die Hafenmeister-Familie um alles, während die Bootseigner lediglich für ihre eigenen Boote die Verantwortung trugen.

Zwei Freunde, die ihre Boote in zwei Berliner Sportvereinen hatten, meldeten bereits, dass bei ihnen alles lahmgelegt war.

Stattdessen erhielt ich am 16. März per WhatsApp die Nachricht, dass mein Boot zwei Tage später zu Wasser gebracht werden sollte. Das war eine äußerst kurzfristige Änderung, denn vereinbart war es für den 29. März. Der Hafenmeister hatte beschlossen, möglichst viele Boote so schnell wie möglich hineinzubringen, bevor weitere Beschränkungen dies verhinderten.

Einige Bootseigner hatten noch gar nicht ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Jedes Jahr gab es an fast allen Booten irgend etwas zu reparieren und das passierte normalerweise während der letzten drei Wochen vor dem Beginn der Wassersportsaison. Glücklicherweise hatte ich die Arbeiten im Unterwasserbereich größtenteils beendet. Es waren nur noch zwei kleine Ausbesserungen zu schleifen und mit dem Pinsel an einigen Stellen etwas Antifouling aufzutragen, die mit der Rolle nicht erreicht werden konnten.  Das klappte noch.

Für die Oberseite fehlte ein wichtiges Teil, nämlich das bestellte neue Verdeck, welches noch bei der Segelmacherin in Arbeit war.

Als Ausweg hätte ich für einige Tage noch einmal das alte Stoffverdeck aufspannen können, jedoch hatte die Segelmacherin im Jahr zuvor zum Anfertigen einer Schablone für das neue Verdeck beim alten kurzerhand die Stoffschläuche aufgetrennt, in denen die Stangen des Gestells steckten. Kein Problem, wenn das neue Verdeck rechtzeitig da war, aber schon doof, wenn es durch eine kurzfristige Terminverschiebung nicht klappte. Zwar wäre es möglich gewesen, einige Stoffschlaufen an die Seiten der aufgetrennten Stoffschläuche zu nähen, aber dafür fehlte mir einfach die Zeit.

Boot im Wasser unter der Winterplane. Zum Aufziehen des Sommerverdecks reichte die Zeit nicht.

Das waren meine Problemchen. Andere von der Terminverschiebung betroffene Bootsbesitzer hatten ihre. Irgendwie sollte, irgendwie musste es trotz Corona gehen. Wirklich?

Mir war nicht wohl bei der Sache. Zu dem Zeitpunkt war längst bekannt, dass die Bewegungsfreiheit der Bürger wegen der Corona-Krise eingeschränkt wurde und dass am folgenden Wochenende  über eine generelle Ausgangssperre entscheiden werden wollte. Aus Sicht der Politiker eine verständliche Idee, weil im Stadtbild Berlins noch immer viel zu viele Menschen sich trotz aller Warnungen auf engem Raum versammelten. Obwohl die meisten Bürger den Ernst der Lage begriffen hatten, waren viele andere noch weit entfernt davon.

Im Hafen stellte ich fest, dass die meisten Leute bereits einen Abstand von mindestens 2 m zu anderen Personen einhielten, während einige wenige noch nicht daran dachten, Hände schütteln wollten und die Nähe suchten. Einige Spätzünder reagierten mit betroffener Miene, wenn man vor ihnen zurückwich. Das Stichwort Corona reichte aber, um das Verhalten zu erklären, doch ein gewisses Erschrecken darüber, wie ernst andere dieses Thema nahmen, war an den Mienen dieser Leute erkennbar.

Während ich mein Boot vorbereitete, unterhielt ich mich mit meinem Bootsnachbarn, der auf seinem zugange war. Der Abstand zwischen uns betrug etwa 3 m. Wir hatten keine Schwierigkeiten, einander zu verstehen. Wir schätzten auch die Corona-Lage sehr ähnlich ein und stellten irgendwann fest, dass wir beide jeweils eine Sprühflasche mit Desinfektionsmittel griffbereit in der Jackentasche hatten.

Wir diskutierten die Entscheidung, die Boote nun in einer Hauruckaktion ins Wasser zu bringen. Er fand die Idee gut. Irgendwie würde man schon dorthin kommen. Eventuell mit dem Fahrrad. Auch wenn man vielleicht nicht mehr mit dem Boot rausfahren konnte, war es trotzdem ein guter Aufenthaltsort, um darauf zu entspannen.

Ich hielt dagegen, dass immer wieder an manchen Booten Probleme auftauchten bis hin zum Wassereinbruch und es daher nicht so gut war, sie ins Wasser zu verbringen, bevor mehr Klarheit darüber herrschte, ob man einige Tage später überhaupt noch Boot und Hafen nutzen konnte.

Im vergangenen Jahr hatten wir um diese Zeit starken Frost. Der Tegeler See war während eines späten Wintereinbruchs zugefroren und auch jetzt kündigte der Wetterbericht nach einem milden Winter einige Nächte mit beträchtlichem Frost an. Bis -6° sollte das Thermometer nun doch noch fallen.

Nicht gut, dachte ich. Ich hatte einen eingebauten Motor, in dem das Kühlwasser noch durch ein Frostschutzmittel ersetzt war. Außerdem  war die Welle zwischen Motor und Schiffsschraube beim Ausgang durch den Rumpf im Stevenrohr in einer sogenannten Wasserschmierung gelagert. Zwischen der Welle und dem umschließenden Rohr befand sich dafür ein dünner Wasserfilm. Eine Gummikappe schloss dieses System im Boot wasserdicht ab. Sie durfte keinen Schaden erleiden. Ich wollte deshalb den Motor nicht starten und dabei das Frostschutzmittel heraus befördern, nur um es von der Slipstelle  zu meinem Liegeplatz zu fahren. Damit überhaupt Wasser in das Stevenrohr aufsteigen konnte, musste ich es von innen entlüften. Das wollte ich ebenfalls vermeiden, solange nachts noch strenge Fröste kamen.

Vielleicht war das alles gar nicht dramatisch, aber in der kurzen Zeitspanne konnte ich mich nicht von sachkundigen Leuten beraten lassen. Auf dem Steg brauchte ich keinen zu fragen, denn dort wurde  mehr spekuliert oder Vermutungen zu Tatsachen erklärt, als mit wirklichen Wissen und fundierter Erfahrung aufzuwarten.

Ich vereinbarte mit dem Hafenmeister, dass mein Boot für einige Tage in der Nähe der Slipstelle an einem Liegeplatz festgemacht werden konnte. Dazu musste ich den Motor nicht starten, sondern konnte es leicht an einem Tau hinziehen. Außerdem wollte ich mir so für einige Tage die Option offenhalten, das Boot rasch wieder auf den Trailer packen und herausziehen zu können.  Das wäre sicherlich auch einem angeordneten Arbeitsstopp im Hafen als eine abschließende Maßnahme irgendwie noch möglich gewesen.

Danach stand nicht wirklich fest, wie es weitergehen sollte. Ich wollte vermeiden, in den Folgetagen zum Hafen zu fahren, um Menschengruppen aus dem Wege zu gehen. Bis Sonntag war damit noch zu rechnen, weil noch weitere Boote ins Wasser gelassen wurden. Danach kamen nur noch wenige Leute heraus und man konnte leicht die gebotenen Abstände einhalten. Es war noch nicht entschieden, ob bis dahin bereits Ausgangsbeschränkungen gelten sollten, was die Spannung nicht abreißen ließ.

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