Was fährt denn da? Der Trend zum Hausboot.

Am Samstag vor Pfingsten wendete auf dem Pohlesee im Süden Berlins ein merkwürdiges Boot. Es war eher ein schwimmendes rechteckiges Haus in der Größe einer Gartenlaube mit einem begehbaren Dach, das als Terrasse eingerichtet war. Sein ‚Fundament‘ bestand aus zwei parallelen länglichen Schwimmkörpern, die durch eine große rechteckige mit Holz belegte Konstruktion verbunden waren. Wir hatten ein richtiges Hausboot vor uns, das nicht nur am Ufer liegen sollte sondern tatsächlich zum Wasserwandern geeignet war. Die Männer auf den Stegen am Ufer des Pohlesees hielten mit ihren Aktivitäten inne und beobachten das Gefährt. Vage Erinnerungen an Bilder vom Tsunami in Japan kamen auf. Dort waren ganze Häuser auf den in das Land drängenden Wassermassen davongetrieben worden. Es dauerte eine Weile bis das seltsame Hausboot als kontrolliert bewegtes Wasserfahrzeug akzeptiert wurde. Man dachte an die eigenen beengten Kajüten, durch die man gebückt ging und an schmale Türen und Kanten im Bodenbereich, gegen die man gelegentlich stieß.

„Der hat alles“, urteilte einer anerkennend.

„Sogar einen Keller, nehme ich an.“, meinte ein anderer.

„Einen Motor kann ich nicht sehen, wie fährt der?“, wurde gefragt.

Niemand antwortete. Das Boot verschwand und alle machten weiter, wo sie vorher aufgehört hatten.

Am nächsten Tag führte uns eine Erkundungsfahrt mit dem Fahrrad entlang des Spreeufers innerhalb Berlins zur Anlegestelle für Sportboote am Charlottenburger Ufer. Wie der Zufall wollte, hatte dort das mysteriöse Hausboot festgemacht und wirkte zwischen den schönen klassischen Schiffsformen nüchtern, kühl und groß.

Das Hausboot am Charlottenburger Ufer

Das Hausboot am Charlottenburger Ufer

Ein freundlicher Herr an Bord bemerkte unser Interesse und lud uns ein, das Hausboot zu besichtigen. Er teilte uns mit, dass er mehrmals gehört hatte, dass sein Hausboot tags zuvor auf dem Wannsee gesichtet worden war. Keine Frage, dieses ‚Sportboot‘, wenn man es so nennen kann, fiel auf.

Der Antrieb wurde von einem satten 100 PS Außenborder, der sich unter der Grundplatte befand und nach dem Öffnen einer Luke sichtbar wurde, gewährleistet. Wir fragten nach dem Keller, in der Erwartung, dass die Runde anschließend lachen würde. Doch nichts dergleichen, es gab unerwartete Stauräume unter Deck.

Die große Dachterrasse war mit einer filzigen Auslegeware bedeckt. Wir hatten am Vortag den langen Regen auf dem Wannsee erlebt. Daher suchten wir nach Nässespuren. Sie waren nicht zu sehen. Entweder hatte dieses Boot den Regen nicht erlebt oder die Besatzung hatte vorgesorgt. Die oben stehende Sitzgarnitur war sehr groß. Dahinter waren Solarzellen montiert. Die Reling, hier wurde sie Geländer genannt, war umklappbar, um bei geringer Durchfahrttiefe unter Brücken nicht zum Hindernis zu werden.

Wir standen auf einem Prototypen des rev-houseboats von rev-house, (r)evolutionary living spaces, das stolze 5 Meter Breite maß und in der Grundversion 98450 € kostete. Um fahren zu können, bedurfte es eines zusätzlichen ‚Mobilitätspakets‘ und des ‚Unabhängigkeitspakets‘, womit wohl die seemännische, stromerzeugende und sanitäre Technik nebst Tanks für dieses und jenes gemeint war. Sogar eine doppelstöckige Version sollte es geben.

Das schwimmende Haus auf der Spree

Das schwimmende Haus auf der Spree

Auf die Frage nach Wartungsintervallen und Belastbarkeit der Schwimmkörper erfuhren wir, dass diese aus 8 mm dicken Stahl bestanden und ca. alle zehn Jahre eine Kur in der Werft notwendig wäre. Der Tiefgang des Bootes betrug 0,80 Meter.

Abgesehen davon, dass es schwamm, wirkte das Hausboot gar nicht wie ein Boot. Diskret verborgener Anker und Motor, kein Schwimmring an der Seite, kein Beiboot, keine Davids und keine Wimpel. Solche Accessoires ließen sich im Bedarfsfall schnell nachrüsten. Aber es gab auch keinen Rundumblick am Steuerstand. Wie sollte man dafür eine Sportbootzulassung bekommen? Dieses Rätsel blieb ungelöst.

Die nächste Frage bezog sich auf die Verfügbarkeit von Liegeplätzen. Die Grundmaße dieses auf dem Wasser reisenden Hauses dürften viele Marinas überfordern. Wir wurden auf die Marina Lanke verwiesen und auf die Möglichkeit unterwegs zu ankern und ein Beiboot zu nutzen. Okay, warum nicht? Ankerplatz gab es genug in dem Revier.

Wir setzten unsere Fahrradtour fort und diskutierten über die Erfolgsaussichten dieses Bootstyps. Der traditionsbewusste Bootsfahrer mit Freude an schnittigen maritimen Linien, hätte wenig Freude daran gehabt. Ihm wäre das Design ein Gräuel gewesen. Desgleichen demjenigen, der sich an den mit dünnen Profil versehenen Holzbohlen sattgesehen hatte, mit denen in den vergangenen Jahren zahllose ‚moderne‘ Balkons oder Terrassen der sogenannten innerstädtischen Strandcafes versehen worden waren. Der Angler mit dem Wunsch nach einem nordischen Holzhäuschen am See würde eher eine Hütte an einem Ufer pachten und ein Boot dazulegen als sich dieses Prestigeobjekt zuzulegen. Doch für Leute, die den häuslichen Komfort auf dem Wasser nicht aufgeben wollten und über das nötige Kleingeld für den Erwerb, Unterhalt und Liegegebühren verfügten, war dieses Hausboot gar nicht schlecht. Meine Begleiterin meinte überraschenderweise: „Wenn ich im Lotto gewinne, kaufe ich mir eins.“

Mir fielen meine beruflichen Akquisitionsbemühungen der letzten Jahre ein. Möglicherweise wäre das eine oder andere Projekt mehr und/oder anders zustande gekommen, wenn man so einen ‚Treffpunkt‘ für Arbeitsgespräche gehabt hätte. Es hätte die Frage, wer zu wem fährt, oft anders entschieden und vor allem Termine, die in den Feierabend hineingingen oder an heißen Sommertagen stattfanden, für alle Beteiligten wesentlich angenehmer gestaltet. In dem Rahmen war ein beachtliches Käuferinteresse zu vermuten. Auch fielen uns die vielen teuren Yachten ein, die wir in den Marinas gesehen hatten. Viele wurden gar nicht mehr bewegt. Ihre Plichten dienten als Ort zum Sitzen, Kuchen essen und sonnen. Da wäre der Wechsel zum komfortablen Hausboot mit großzügiger Terrasse und Kamin im ‚Wohnzimmer‘ angesagt gewesen.

 

6 Antworten auf: Was fährt denn da? Der Trend zum Hausboot.

  • Marika

    Kein schlechtes ‚Bötchen‘. Darauf würde ich gerne meinen abendlichen Absacker trinken. LG Marika

  • Jens

    Gute Idee zum gemütlichen Abhängen am Wasser, aber das ist nicht jedermanns Ziel. Erst wenn mein Boot ins Gleiten kommt, fühle ich mich gut. Schlafen und Wein trinken kann ich auch zuhause.

  • H. Peters

    Wie erfährt man den aktuellen Liegeplatz des Show-Boats? Ich würde es mir gerne anschauen.

    mfg H. Peters

    Oxly: Nimm über deren Website mit den Leuten Kontakt auf: rev-house.de
    Im Impressum steht eine Emailadresse.

  • Sabine

    Es gibt mittlerweile mehrere Anbieter von solchen aber auch hochwertigeren Hausbooten. Neulich sah ich einen Bericht über doppelstöckige Modelle für ca. 300.000 €. Vermutlich werden die irgendwo fest liegen. Ein teurer Spaß!

  • Manfred

    Hausboote sind zur Zeit trendie, ich habe schon einige gefahren und es ist eine angenehme Art auf dem Wasser zu leben. dabei spielt es keine große Rolle wo man fährt, sondern das man damit eine schöne Zeit auf dem Wasser verbringen kann. Bevor ich mir ein Hausboot kaufe werde ich es mir chartern und mal sehen,ob eine schnittige weise Motoryacht mir noch besser gefällt.

  • Brigitte

    Leben auf dem Wasser ist eine tolle Sache, ob nun nur für einen bestimmten Zeitraum oder wirklich als festen Wohnsitz. Dabei gibt es große Unterschiede bei der Größe und Qualität.

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