Unter den Brücken von Paris

Doris und Manfred Sutter reisen mit ihrem Boot Beluga durch Europa. 2009 berichtet Doris Sutter aus Paris:

Paris ist Frankreich, aber Frankreich ist nicht Paris. Ein Paradoxon, doch es trifft ins Schwarze. Frankreich, das ist das Kernland der Könige um Paris, die Île-de-France, das sich durch beharrliche Einverleibung immer neuer Gebiete entwickelt hat. Doch sein Kern ist und wird es immer bleiben: Paris.

Aber welches Paris?
Das Paris der Touristen mit seinen großen Monumenten der Vergangenheit?
Das Paris des Shoppings, der Mode, der Parfums?
Das Paris der großen Parks, Brunnen und Theater?
Das Paris der Emigranten, der Boulevards und Plätze?
Oder das gastronomische Paris?
Das Paris der riesigen Märkte?
Oder das unbekannte, das verborgene Paris der kleinen Museen, der versteckten Winkel, der Galerien, Künstler und Bohème?
Das Paris der Seine-Ufer?

Ich versuche, Paris von der Seine aus zu beschreiben ohne den Ehrgeiz der Vollständigkeit für mich in Anspruch zu nehmen.

Natürlich muss jeder Besucher erst einmal sein Pflichtprogramm absolvieren, Montmartre, Eiffelturm, Louvre, Notre Dame, usw. Schickimicki-Garderobe bleibt an Bord. Bequeme Laufschuhe tun Not, denn obwohl die Metro den Besucher in rasender Geschwindigkeit und im Minutentakt von Arrondissement zu Quartier bringt, können die Wege und das treppauf und treppab auch im Untergrund lang sein.

2009. Paris bei Nacht

2009. Louvre. Paris bei Nacht

Alleine der Louvre hat eine Ausstellungsfläche von 60.000 qm. Von einem Spaziergang über die Champs Élysées gar nicht zu reden. Wer länger in Paris bleibt ist mit einer Wochenkarte (Passbild mitbringen) gut bedient. Aber auch die 10er Karte „Carnet des Tickets“ ist eine praktische Sache und erspart den lästigen Ticketkauf bei jeder Fahrt. Ohne Reiseführer, Stadtplan und Metro-Plan geht allerdings gar nichts.

Wer glaubt, irgendwann alles gesehen zu haben, der darf den Flohmarkt in Clignancourt samstags, sonntags oder montags nicht verpassen. Es gibt in Europa kaum etwas Vergleichbares. Hier gibt es einfach alles, ob neu oder gebraucht, von Gerümpel bis zur seltensten Antiquität und natürlich Bekleidung.

2009. Flohmarkt  in Paris

2009. Flohmarkt in Paris

Habt Ihr Euch schon immer gefragt, woher die Bezeichnung „Floh“- markt kommt? Ende des 19. Jahrhunderts soll ein Sammler, der die Auslagen alter Möbel und Kleidung durchstöberte, gerufen haben: „ Das ist ja ein wahrer Flohmarkt!“ Schnell machte der Ausdruck die Runde und wurde zum allgemeinen Sprachgebrauch.

Der bequemste und sicherste Ausgangspunkt für den Bootsfahrer ist der Hafen Arsenal. Das Becken liegt im Canal du Martin, direkt am Place de Bastille. Er ist eigentlich fast immer überfüllt.

Wir beginnen unsere Sightseeing-Bootstour im Westen von Paris, an der Freiheitsstatue auf der Île aux Cygnes. Diese Insel ist eigentlich gar keine Insel, sie ist ein 890 Meer langer und 20 m breiter Damm, der künstlich angelegt wurde. Auf ihm ist eine Promenade, die von 322 Bäumen eingerahmt wird. An ihrem westlichen Ende steht die 11,5 Meter hohe, nach Westen ausgerichtete Kopie der Freiheitsstatue, die in Richtung ihrer „großen Schwester“, übrigens ein Geschenk Frankreichs im Jahre 1886 an die USA, im New Yorker Hafen schaut. Direkt dahinter der Eiffelturm, als müsse er ein wachsames Auge auf die „kleine“ Dame haben. Vielleicht möchte er sich auch einfach nicht die Schau stehlen lassen!

Das Panorama, das vor uns liegt, ist einfach atemberaubend. Man kann es schier nicht in Worte fassen. Unmittelbar hinter der Freiheitsstatue ist die Pont de Grenelle. Kurz dahinter führt die auffällige, 380 Meter lange Brücke Pont de Bir-Hakeim mit zwei Ebenen über den Fluss. Unten eine Straßenbrücke, über die obere Ebene fährt die Metro.

Der Eiffelturm, für die Weltausstellung 1889 von Gustave Eiffel erbaut, sollte an das hundertjährige Jubiläum der französischen Revolution erinnern und stieß bei der Bevölkerung erst einmal auf Ablehnung. Bis 1930 war er mit seinen 300 Metern das höchste Gebäude der Welt.

Es folgen Brücken auf Brücken. Über jede gibt es eine Geschichte zu erzählen. Und jede Brücke ist anders. Filigran wie Schmiedeeisen, wuchtig aus Steinquadern, verziert, verspielt, liebevoll ausgeschmückt, vergoldet, mit zauberhaften Figuren und prunkvollen Wappen. Mit Standbildern und vielen, vielen Laternen. Nachts sind in Paris nicht einmal die Katzen grau. Genau wie 200 andere Sehenswürdigkeiten sind auch der Eiffelturm und die Seine-Brücken beleuchtet. Dabei wurde bei den Steinbrücken vor allem das Material und bei den Eisenbrücken, quasi von innen heraus, deren Strukturen beleuchtet. Eine Ausnahme stellt die Louvrebrücke (Pont des Arts) dar, die weitgehend im Halbschatten bleibt und nur durch die Reflexion der Scheinwerfer unterhalb der Brücke auf dem Wasser konturiert wird. Betont werden nur die steinernen Pfeiler.

Auf der Seine zum Eiffelturm

Auf der Seine zum Eiffelturm

Die Pont de l’Alma. Ursprünglich wurde diese Brücke zu Ehren des Sieges der französisch-britischen Allianz über Russland im Krimkrieg erbaut. Vier Statuen, die die verschiedenen Armeen versinnbildlichten, zierten die Brücke. Die Pont de l’Alma wurde jedoch 1974 abgerissen und ersetzt, von den Statuen ist nur noch der Zuave-Soldat erhalten. Er dient den Parisern als Wasserstandanzeiger. Hat die Figur ihre Füße im Wasser, werden die Wege längs der Seine gesperrt, reicht ihr das Wasser bis zu den Schenkeln, ist die Seine nicht mehr schiffbar. Im Jahre 1910 stand der Figur das Wasser sogar bis zum Bart. Mit 42 Metern ist sie die breiteste Brücke der Pariser Innenstadt. Pont des Invalides, geschmückt mit den Siegesgöttinen  La Victoire terrestre und La Victoire maritime. Die Pont Alexandre III wurde nach Zar Alexander III. benannt, sie verbindet den Invalidendom mit dem Grand und Petit Palais in den Jardins du Champs-Élysées. Sie ist ein Traum zum Anschauen und ein Alptraum für die Instandhalter. Zu unserer Rechten das Palais Bourbon, dann das einmalige Gebäude des ehemaligen Bahnhofs d’Orsay, 1900 erbaut, aber nur bis 1939 in Betrieb. Heute ein Museum, das den Besucher umhaut. Pont de la Concorde. Der in der Karte eingezeichnete „Hafen“ davor ist eine Ansammlung von Wohnpenischen, umgebauten Frachtschiffen, alten Hausbooten und einigen Kuttern und Plattbodenschiffen. Nix für Sportboote. Pont Royal, ihre hölzerne Vorgängerbrücke hieß Pont Saint-Anne, nach Anna von Österreich, auch Pont Rouge nach ihrer Farbe. Ludwig XIV., der Sonnenkönig, ließ 1689 die Brücke aus Stein errichten. Das „königlich“ in ihrem Namen bezieht sich auf ihn. Sie wurde im 19. Jahrhundert überarbeitet. In der Nähe befinden sich die die Reste der Tuilerien. Die Ufer sind, wo immer es möglich ist, von Wohnpenischen oder Ausflugsbooten belegt. Auch hier gibt es keine Liegeplätze für so kleine Wichte wie uns. Ich wollte auch nicht unbedingt hier irgendwo liegen, der Wellenschlag ist enorm. Links von uns der Louvre. Auf der anderen Seite das Institut de France, vor uns: die Pont Neuf. Die „Neue Brücke“ ist die älteste und wohl bekannteste Brücke von Paris. Der Verpackungskünstlers Christo hatte sie 1985 komplett in Stoff  eingehüllt. Sie wurde 1604 unter König Heinrich IV. fertig gestellt. Die 900 in Stein gehauenen Gesichter sollen Karikaturen seiner Minister sein.

Und dann haben wir sie erreicht: Île de la Cité, die Wiege von Paris.

Hier ist der Verkehr ampelgeregelt. Eine Begegnung großer Schiffe wäre unter den schmalen Brückenbogen kaum möglich. Und Verkehr gibt es hier! Es wimmelt nur so von Ausflugsbooten und Bateau mouches. Für den Schiffsführer kein Vergnügen. Er kann die Umgebung kaum genießen. Der Seine-Arm ist hier sehr schmal, von hohen Wänden umgeben. Es gibt uns das Gefühl, in einem Burggraben zu fahren. Conciergerie, das berüchtigte Gefängnis der Revolution, und der Palast de Justice, ehemals die Residenz der ersten zwölf Kapetinger-Könige, beherrschen die Inselspitze. Die heilige Kapelle erhebt sich darüber.

Petit Pont, die kürzeste Brücke der Stadt mit der längsten Geschichte, die zu den Ursprüngen von Lutetia zurückreicht. Im Verlauf zahlreicher Kriege wurde sie immer wieder zerstört. 1718 ging sie wieder in Flammen auf. Diesmal war die Mutter eines verstorbenen Kindes die ungewollte Brandstifterin. Wie es damals Brauch war, wollte sie eine Schüssel mit Brot und einer Kerze in den Fluss werfen. Dabei fing eine mit Stroh beladene Barke Flammen, die auf die Brücke übergingen. Die Brücke brannte mitsamt den auf ihr errichten Häusern ab. Nach diesem Desaster durften auf den Pariser Brücken keine Häuser mehr gebaut werden.

Die Pont au double hat heute einen bronzefarbenen Anstrich. Sie stimmt ein auf das nächste Schauspiel, das uns erwartet: Notre Dame!

Von der tiefer liegenden Seine aus wirkt die Kathedrale noch wuchtiger und riesiger. Ihre zwei Türme sind schon von weitem zu sehen. Das Schiff der 1163 begonnen Kirche ist so groß, dass bis zu 10.000 Menschen darin Platz finden können.

2009. Paris. Kathedrale Notre-Dame de Paris

2009. Paris. Kathedrale Notre-Dame de Paris

Nur um sie vom Wasser aus zu sehen lohnt sich eine Rundfahrt durch Paris, notfalls mit einem Bateau Mouche, damit auch der Skipper etwas von der Aussicht hat. Durch die Pont St. Lous ist die Île de la Cité mit der kleinen Île Saint-Louis verbunden. Die Pont de la Tournelle (Brücke am Türmchen) verbindet seit 1651 die Île Saint-Louis mit dem gleichnamigen Quai. An ihr wird seit 1759 der Pegelstand für Paris gemessen. Ihr Gegenstück auf der anderen Inselseite ist die Pont Marie. . Auf ihrem Pfeiler zum rechten Ufer hin steht die Schutzpatronin von Paris, eine 14 m hohe Statue der Heiligen Geneviève. Hinter der Pont de la Tournelle ist der beeindruckendste Teil der Seine fast vorbei.

Zu unserer Linken erscheint der Port de plaisance de Paris, der Sportboothafen von Paris im Canal St. Martin.

Wir hatten einmal einen Bekannten, der sich nichts mehr wünschte, als mit seinem eigenen Boot nach Paris zu fahren und unter einer Seinebrücke zu sterben. Der Wunsch wurde ihm erfüllt. Man fand ihn tot auf seinem Steuerstuhl sitzend.

Paris ist eine Stadt, die die erfolgreiche Vermählung von Vernunft und Romantik mit einer Begeisterung zelebriert, die sie für immer jung erhält.

Eine Fahrt durch diese 10 km der Stadt bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

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Text und Fotos: Doris Sutter

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Die komplette Reise lesen Sie in dem Buch „Beluga in Gallien“

ISBN 978-3-86675-140-8 Mohland-Verlag im Buchhandel, bei Amazon oder der Autorin Doris@beluga-on-tour.de


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