Boot & Fun. Berliner Bootsmesse 2013

Der erste Kontakt hatte nichts mit Booten zu tun. „Hier, ziehen Sie mal eine Karte!“ Der Mann hielt mir drei flaschenförmige Karten hin. Ich zog eine und drehte sie um. Darauf stand ‚Saft‘. „Setzen Sie sich hin. Ich werde Ihnen unseren Saft zum Kosten anbieten.“ Er holte vier Flaschen aus seinem Kühlschrank und goss mir einen winzigen Schluck Traubensaft in ein kleines transparentes Plastikgläschen. Artig trank ich den winzigen Schluck. Er sagte etwas dazu und wir gingen die Reihe durch. Danach sollte ich den Saft kaufen. Es gab das große Gesundheitspaket und das kleine, die jeweils mehr Saft enthielten, als ich üblicherweise pro Jahr konsumiere. Zwei der Sorten kosteten 6,50 € pro Flasche. Höflich, aber bestimmt teilte ich dem Herrn mit, dass ich nicht zur Bootsmesse gekommen war, um Saft einzukaufen, woraufhin er mir ein Zahlungsziel einräumte und seinen Saft als Weihnachtsgeschenk anpries. Adieu und schnell weg, lautete die Devise.

Das Ereignis fand in der Refit-Halle statt. Hier wurden restaurierte Boote ausgestellt und einige sehr gut erhaltenen Oldtimer der Straße. An einem Auto blieb ich stehen, um in den Seitenspiegel zu blicken. Sah ich wie jemand aus, der Saft für 6,50 € pro Flasche bestellte? Stattdessen hätte ich mir Freude ein Mittelchen zum einfachen Ablösen eines Streifens Antifouling für mein Boot andrehen lassen, weil vor der nächsten Wassersportsaison noch ein circa 1,5 Meter langen Kratzer am Boot behandelt werden sollte.

Auf der Fläche des ‚Freundeskreis Klassische Yachten‘ stand ein mächtiger Schärenkreuzer, dessen Geschichte lesenswert war. Das Boot stammte aus den 1920er Jahren und wurde nach Kriegsende vom damaligen Eigner versenkt, damit die Besatzungsmächte es nicht beschlagnahmten. 1950 wurde das Boot wieder gehoben und erneut seinem ursprünglichen Zweck entsprechend eingesetzt. Um 1970 wurde der Rumpf mit Kunststoff überzogen, der etliche Jahre später beseitigt wurde, um den Rumpf mit drei Lagen aus dickem Holzfurnier zu beschichten. Der Verlauf der Maserung wurde in jeder Schicht anders ausgerichtet und daraus mithilfe von Epoxydharz eine fest mit dem ursprünglichen Rumpf verbundene stabile Hülle geschaffen.

Boot oder Auto? Oder beides?

Boot oder Auto? Oder beides?

Blickte man die restaurierten Boote genauer an, waren qualitative Unterschiede in der Detailverarbeitung erkennbar. Auf den ersten Blick wirken alle Boote toll, doch dann wurde sichtbar, dass das eine hervorragend und insgesamt mit viel Liebe zum Detail wiederhergestellt wurde, während andere nicht immer stimmig wirkten. Eine alte schwarze Barkasse war schwarzglänzend angemalt. Ich kenne die alten Pötte im Hamburger Hafen. Geglänzt hatte keiner von ihnen. Ein stumpfes Mattschwarz auf dem durch viele Arbeitsjahre verbeulten Rumpf, wäre authentischer.

Diana, willst du mit mir gehen?

Diana 21, willst du mit mir gehen?

Auf einem langen Tisch lagen Exposees für einzelne alte Boote in unterschiedlichen Restaurierungsphasen. Die darauf stehenden Einzelpreise waren happig. Wer sich für so ein Boot interessierte, sollte bei Holzrümpfen gründlich nachsehen, in welchem Zustand die innere Schale unterhalb der begehbaren Bodenbretter war. In einem Boot, dessen Zustand mit ’sehr gut‘ bezeichnet wurde, waren tief unten an den Holzplanken breite weißlich Ränder zu sehen, die darauf hindeuteten, dass in der Bilge über einen längeren Zeitraum Wasser gestanden hatte und das Holz möglicherweise von Schwamm befallen war. Bei einem ordentlich restaurierten Boot sollten Mängel dieser Art nicht erkennbar sein. Der Bootsbauer hätte beschädigte Substanz vom Holz abgeschliffen und die gesunden Teile darunter fachkundig behandelt. Ein solches Ergebnis sah anders aus als eine schmuddelige Oberfläche mit Trocknungsrändern oder Verfärbungen durch Schimmel. Sonst kaufte man anstelle des schmucken Oldtimers einen chronisch erkrankten Patienten. Mit Schimmel im Holz war nicht zu spaßen. Er machte es weich und dagegen half auch kein Laminieren des Rumpfes mit Glasfasermatten und Epoxydharz.

Sehr ansprechend war eine überholte Diana 21. Offenbar hat die dänische Aero Vaerft mehrere davon restauriert und sich auf die Überarbeitung dieses Bootstyps spezialisiert.

Für Angler gab es in einer Halle allerhand interessante Dinge zu sehen. Rollen, Ruten, Schnüre und Kunstköder ohne Ende. Ein rhetorisch versierter Sprecher erzählte einem gebannt lauschenden Zuhörerkreis spannende Tricks. Wir erfuhren, dass Fische, die nicht auf Nahrung als Köder reagieren, gut auf Wobbler beißen, die aussahen wie Barsche, weil ihre lebendigen Schwestern und Brüder den Leich anderer Fische fraßen. Im Gegenzug schnappten sich die Forellen kleine Barsche, um ihren Nachwuchs zu beschützen. Mitten in der Halle stand eine Konstruktion zum Simulieren des Hochseeangelns.

Eine weitere Halle war den Ausstellern von Kanus vorbehalten. Ein großes Becken voller Wasser diente zum Testen der Boote.

Für Surfer aller Gattungen, also Straße und Wasser, war in einem angrenzenden Raum eine eigene Welt geschaffen worden. Beim Betreten wurde den Besuchern ein Energydrink angeboten. Hier lief junges Volk herum und man hatte einen mächtigen Pool aufgebaut, auf dem einige Leute auf Surfbrettern mit Segeln unterwegs waren. Wie sie das in dem geschlossenen Raum ohne Wind schafften, konnte ich nicht ergründen.

Windsurfen ohne Wind. Geht doch ...

Windsurfen ohne Wind. Geht doch …

Ansonsten waren reichlich Segelboote und Motoryachten ausgestellt. Die Hausbootszene war weniger stark vertreten als vor zwei Jahren. Damals hatte die holländische Werft Pedro ihr neues H2Home mitgebracht. Ein Highlight dieser Art fehlte in diesem Jahr.

Die Wände mit den privaten Verkaufsanzeigen von Bootseignern waren dicht umlagert. Hier vermuteten Interessierte am ehesten Schnäppchen von Privat zu Privat. Auf der Ausstellungsfläche des ‚Wirtschaftsverband Wassersport e. V.‘ bereiteten die Mitarbeiter einer EIS-Vertretung (Bootsversicherung) auch am Freitag noch die legendäre Pizza zu, die kostenlos verteilt wurde. Während der Gala-Nacht der Boote hatten mich die langen Warteschlangen abgeschreckt, doch diesmal standen nur zwei Wartende am Pizzaofen. Ich stellte mich dazu, um diese in Bootskreisen bekannte Pizza zu kosten, doch stellte sich heraus, dass die gerade in Arbeit befindlichen Exemplare bereits vergeben waren. So trollte ich mich und gelangte zu zwei Ausstellern von Elektromotoren.

Deep Blue - Fetter E-Außenborder von Torqeedo

Deep Blue – Fetter E-Außenborder von Torqeedo

Torqeedo hatte neben seinen filigranen in Grau und Orange gehaltenen Motoren ein wesentlich größeres Exemplar in den Ausmaßen eines modernen 40 PS Außenborders mit dem Namen Deep Blue aufgebaut. Kaum zu glauben, dass diese Technologie von ihrer Leistung her wie auch zum Speichern der notwendigen Strommengen die notwendige Reife erreicht hatte, doch hier war sie und im Internet waren keine negativen Berichte zu finden. Die Zeitschrift Boote berichtete in ihrer Septemberausgabe, dass der Deep Blue mit einem benzingetriebenen 80 PS Außenborder vergleichbar war. Ein 6,20 m langes Boot wurde in wenigen Sekunden auf 50 km/h beschleunigt und sollte mit einer Stromladung in der Fahrstufe etwa 35 km zurücklegen, während mit 9 km/h 117 km zu schaffen waren. Nicht schlecht, Herr Specht!

Spätestens auf dem Rückweg war das Einsammeln von Katalogen und Gratisausgaben von Zeitschriften angesagt. Magazine mit privaten und gewerblichen Verkaufsanzeigen gab es zuhauf. Interessant waren die Publikationen der Tourismusanbieter. Diverse enthielten gutes Kartenmaterial von der betreffenden Region und nützliche Infos. Abgesehen von der zuerst geschilderten Begegnung mit dem Saftverkäufer war die Messe informativ und thematisch breit aufgestellt. Um Besucher zum jährlichen Wiederkommen zu bewegen, wären mehr Do-it-yourself Workshops schön. Bitte nicht nur als Präsentation auf einem Display, sondern von Mensch zu Mensch. Wer seinen Stoff gut rüberbringt, darf sich eines interessierten Publikums bewusst sein. Was würde ich mir gerne anhören? Beispielsweise, wie man seine Persennig pflegt und im Winter gründlich, aber materialschonend reinigt und Kleinigkeiten ausbessert. Idealserweise dürfte man sich selbst an eine spezielle Nähmaschine setzen und eine Naht ziehen. Die Messeveranstalter sollten sich diesbezüglich mal an die Nähmaschinenbranche wenden. Sicherlich wären viele Besucher an guten Tipps zur Pflege und Reparatur ihres Bootes interessiert. Eine Aktion, wie ‚Frag den Profi‘ wäre klasse. Also in Form einer Beratung, in der  man seinen eigenen Fall vortragen kann, auf den ein Experte eingeht. Das kann man vorher über das Internet organisieren. Bootseigner stellen ihr Problem verbal und mit Fotos dar und ihre Fälle werden öffentlich behandelt.

Zum Fotoalbum Boot und Fun 2013

Eine Antwort auf: Boot & Fun. Berliner Bootsmesse 2013

  • Jutta

    Bei mir hat es der Saftverkäufer auch versucht. Die Messeveranstalter sollten solche Leute nicht zulassen. Sonst kann man das Fun aus ‚Boot & Fun‘ streichen. LG Jutta

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