Oxly Boote

Der „Wilde Osten“ zwischen Wannsee und Elbe

Teil 1 – Die Potsdamer Südtangente

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Mit dem Sportboot auf der Unteren Havel
und der Versuch, Mensch und Maschine artgerecht zu ernähren


Wir alle glauben besser zu verstehen, wenn wir Gesagtes oder Geschriebenes anhand von Erfahrungen und Vorurteilen einordnen können. Deshalb erst mal ein paar Orientierungspunkte zum Autor dieser nicht immer um nüchterne Sachlichkeit bemühten Zeilen, damit ihr in der scheinbaren Sicherheit zwischen den roten und grünen Tonnen navigieren könnt.

Ja, ich bin ein „Wessi“, genauer ein West-Berliner und ich feiere den Tag der Einheit in Gedanken daran, dass wir nun endlich in der Lage sind, die Grenzen des Wannsees zu überwinden. Der Havelzulauf am oberen Ende bei Pichelswerder war für uns schon immer schiffbar. Genau dort tauche ich meine eigenen 8 Meter, mit viel zu großem Motor in den See. Nein, eigentlich ist der Motor nicht zu groß, ich liebe das Blubbern der 4,3 Liter Raum für den Hub der 6 Kolben. Und ich brauche die 220 Pferde, um mich aus dem Wasser schrauben zu lassen, was der Mariner gern mit schlecht gespielter Lässigkeit als ‘Gleitfahrt’ bezeichnet. Nur kostet es mich ein Vermögen, diese Herde zu füttern. Egal. Mein Boot, eine kanadische GFK-Kreation der sportbetonteren Art, ist wie geschaffen für mich. Ich kann es alleine fahren, ohne irgendwelche Landratten shanghaien zu müssen und habe doch die Möglichkeit, ein bis drei gute Freunde mit kleiner Pantry samt Spüle, spiritusbefeuertem Ceranfeld und Kühlschrank, zwei geräumigen Doppelkojen, sowie abgetrennter Seetoilette auch für mehrere Tage zu bewirten. Man muss sich nur gut riechen können, denn die Dusche auf der Badeplattform habe ich demontiert, die Existenz des damit überflüssigen Warmwasserboiler wird konsequent ignoriert.

Nun liegt der Wannsee glücklicherweise unterhalb der Spandauer Schleuse, die die Obere Havel von der Unteren trennt. Und da die Untere deutlich weniger kanalisiert und naturbelassener ist, mir zudem ein schleusenfreies Revier von Berlin bis nach Brandenburg offeriert, widme ich mich hier zunächst diesem Abschnitt des schönen Flusses, der sich immer wieder in Seen ergießt um sich dann gleich wieder aus den Selben zu nähren. Mein Lieblingsrevier.

Ernähren muss ich mich auf dieser Reise auch. Nicht nur mein uriges Sechs-Zylinder-Ungetüm will bewirtet werden, das seine Arbeit immer ungesehen unter Deck verrichtet und so nicht mit den Solarpanels auf dem Vorderdeck konkurriert, die erfolgreich um mehr Akzeptanz in der Jetztzeit buhlen. Auch ich verbrenne Treibstoff in fester und in flüssiger Form. Dabei erlaube ich mir den zweiten Luxus an Bord, denn auch hier vernachlässige ich das Verhältnis des Brennwerts zum Einkaufspreis. Das Leben ist zu kurz für schlechtes Essen und schlechte Getränke.

Ich beginne trotzdem mit den Bedürfnissen meiner Maschine und damit mit dem mit Abstand nettesten Tankwart an der Havel, im oberen Teil des Wannsees an der „Marina Lanke“, der mit seiner echten Hilfsbereitschaft und herzlichen Art die 5 Cent Preisunterschied zu allen folgenden Bunkerstationen mehr als wett macht. Pro Liter allerdings. Sein Angebot an kalten Getränken und sonstigen Erfrischungen sorgt für weitere kleine Freuden. Die Marina selbst bietet dem Wasserwanderer auch allen anderen erdenklichen Service, hat dabei allerdings eine Dimension und erste Spuren der Erosion erreicht, die die Strukturen und Angebote für Außenstehende oft undurchschaubar erscheinen lässt. Auch hier hilft ein Plausch mit dem netten Betreiber der Bootstankstelle, der sich für alle maritimen Bedürfnisse als kompetenter Ansprechpartner empfiehlt. Nicht helfen kann er bei dem etwas biederen Angebot des in die Marina integrierten Bistros, das zwar einen schönen Blick über die Steganlagen bietet, die gastronomische Anmut der Westberliner Vorwendezeit aber scheinbar auf Ewig verinnerlicht hat. Ein Schelm, wer dem Inhaber einen Hang zur Nostalgie unterstellt. Aber Speise- und Getränkekarte wären so auch schon vor 30 Jahren nicht Gefahr gelaufen als avantgardistisch missverstanden zu werden. Der Service ist deutlich frischer und mutiger. Doch wieder raus auf den Wannsee, der mir, durchkreuzt von ungezählten Seglern, die teilweise quer zu meiner Fahrtrichtung um temporäre oder imaginäre Bojen dümpeln, ein notwendiges Übel ist. Fünf dieser gänzlich anderen Gattung von ‘Wasserfahrzeugen’ auf einem Fleck sind kein Problem, fünfzig „Optimisten“ in meinem Fahrwasser mit 12-Jährigen am Ruder, die kaum über den Rand ihrer Schwimmwesten gucken können, dagegen schon. Aber auch das ist irgendwann geschafft. Die mehr oder weniger trostlosen, weil spießigen Anlegepunkte auf West-Berlins größtem See konnten mich bisher nicht locken. Dort, vermute ich, verweilen hauptsächlich die Berliner, die ich nicht misse. Nicht an Land und nicht auf dem Wasser. Ich bin aber offen für jede Widerlegung meiner erbarmungslosen These.

Obwohl der Wannsee mir das Gleiten bei erlaubten 25 km/h und sanktionsfreien 40 km/h ermöglicht und mein Tank noch gut gefüllt ist, warte ich, bis ich die ‘Agentenbrücke’ vor dem Bug sehe. Hier, im „Jungfernsee“, früher scharf bewacht und mit Pontonsperren bewehrt, lasse ich jetzt endlich den sonst so gut gezügelten Chauvinisten raus und fliege auf die „Glienicker Brücke“ zu, wohl wissend, dass mich diese 500-Meter-Ralley nicht nur gnadenlos als Grosskotz entlarvt, sondern mich auch den Gegenwert einer extraordinären Flasche ‘vin rouge’ kostet. Womit wir endlich beim fast unterschwelligen Schwerpunkt und somit beim nächsten kulinarischen Zwischenstopp wären.

Den eigenwilligen Steg eines Discounters in unmittelbarer Ufernähe des angrenzenden „Tiefen Sees“ mit seinen Verheißungen nach warmen Bier in Plastikflaschen mag ich nicht als erste Adresse Potsdams akzeptieren und kann ihm locker widerstehen, beim „Bootshaus“, dass sich Steuerbord versteckt, ganz kurz vor der großen Brücke, die die B1 über meine Fahrrinne trägt, schon weniger. Nicht allein die modernen Stege, auch nicht die guten Serviceeinrichtungen der dazu gehörigen „Marina Am Tiefen See“ locken, ehrlicherweise auch nicht die aufgeschlossene, dennoch Schweinefleisch-dominierte Post-DDR-Küche sind hier einzig Grund für die Erwähnung – es ist das ungewöhnlich gute Angebot an offenen Weinen, allen voran einem ausgezeichneter Primitivo, die mich hier nach etwas mehr als eine Stunde Fahrt schon oft nach einer Pause sehnen ließen. Ja, ich weiß, das wäre einem Segler nie passiert.


Aufbauhilfe in Potsdam

Anschließend schleiche ich mich durch die „Neue Fahrt“, die Alte ist schöner aber für meinen Verbrenner gesperrt, hoffe dabei nur, dass mich kein Ausflugsdampfer an die Kanalmauer drückt, weil er meine Existenz mit seiner beeindruckenden Verdrängung und der Arroganz des ‘Berufsschiffers’ gegenüber eher freizeitlich orientierten Seefahrern dominant ignoriert. Diese Häme der überlegenen Tonnage gipfelt dann auch noch in Schiffsnamen wie „MS Sanssouci“. Das Marketingkonzept des Reeders wird hier auf eine ganz eigene Weise vom Kapitän des Ungetüms antipiziert.


Die 'Sanssoucci' in der 'Neue Fahrt'.

Nein, ich bin nicht neidisch. Wirklich nicht. Ich habe gelernt, dass schiere Größe allein nicht ausschlaggebend ist. Zwei, drei fast idyllische Schlenker durch Seerosen und Bauruinen weiter, komme ich an die ‘Potsdamer Mautstelle’. Hier residiert wieder eine Wassertankstelle, mürrischer Service, wenn überhaupt, aber günstige Preise – und eine kleine Seilfähre. Grund genug für zwei Raubritter, sich in Uniformen der deutschen Wasserschutzpolizei und in einer knapp vier Meter langen Plastikwanne zu verstecken und jeden Bootsfahrer mit mehr als 5 Pferdestärken um mindestens 20 Euro zu erleichtern. „Sog und Wellenschlag“ vermeiden stand auf dem Schild. Ja, nur das ist relativ, relativ genug, um die 20 Euro zu kassieren. Dumm, wer widerspricht. Das sind dann 40 Euro. Das ist auch relativ. Die alten Transitträume werden wieder wach, möglicherweise in unveränderter Besetzung. Potsdam ist bekannt für Tradition.

Wer das überstanden hat, unbeschadet wohl möglich, findet sich sogleich auf dem Templiner See wieder. Zweigeteilt von einer laut rumpelnden Eisenbahnbrücke, die nicht nur akustisch, sondern auch optisch den See teilt. Von der Geschwindigkeitsregel ganz zu schweigen. Vor der Brücke 9 km/h. Dahinter ist das Verbrennen von fossilen Bodenschätzen fast unbegrenzt erlaubt. Frage nicht nach Logik oder Sinn, halte dich einfach dran. Halten kann man auch am gleich folgenden Gaststeg des „Seminaris-Seehotels“, sofern die 10 Meter nicht belegt sind. Eine tolle Terrasse mit wunderschönem Blick über Bäume und Büsche auf den See lockt, ein eigentlich guter Cappuccino dazu. Dumm nur, dass das selten zu erhaschende Personal auf dem Weg von der Espressomaschine zur Terrasse so viele Landmeilen zurücklegen muss, dass das Getränk bei warmer Witterung auch als Eiskaffee durchgeht. Aber das lauschige Plätzchen macht das fast wett, sofern hier nicht gerade ein fünfzigköpfiges Mitarbeiterteam einer Versicherungsgesellschaft den zweiten Schritt vor dem ersten übt, was hier ‘Fortbildungs-Seminar’ genannt wird.

Wieder auf dem Boot, lässt man rechts – pardon steuerbord – die kleine aber feine „Lachmann-Werft“ liegen. Der Inhaber ist ebenso kompetent wie eigen. Nicht jede Erfahrung nach der Wende war für ihn wohl eine Gute. Wen wundert’s. Ist aber das Misstrauen gegen Besserwessis und neureiche Bayliner-Kapitäne erst mal überwunden, kann man von seinem großen Fachwissen und seiner Hilfsbereitschaft profitieren. Aber mein Kahn ist ja flott und schon bin ich in Caputh, Einsteins Sommerresidenz. Wieder eine Seilfähre, noch in den 90ern von einem sozialistischen Einheits-Einzylinder-Dieselmotor mit imposanten 8 PS getrieben, mittlerweile behutsam modernisiert und stärker frequentiert. Ist das Seil entspannt und überwunden, winkt schon das erste kulinarische Highlight der Reise, wenn auch von dieser Seite der kleinen Landzunge sehr gut getarnt. Das „Seebad Caputh“, das für uns nur über einen kleinen und teilweise maroden, aber immer vollständig von Entenkot übersäten Steg in der engen Durchfahrt zwischen Fähre und „Schwielowsee“ erreichbar ist, habe ich die beste Pasta meines Lebens gegessen. Und meine eigene ist schon Weltklasse! Auch die Pizza kann eine Offenbarung sein, die Weine dagegen scheinen noch eher etwas zufällig sortiert. Insgesamt ist hier zweifellos ein außergewöhnlicher Koch am Werke, das Ambiente zwischen Edelkitsch und virtuellen Karibikflair, der Service immer bemüht, manchmal freundlich, das gastronomische Konzept in traumhafter Lage ganz offensichtlich noch in eher spontaner Bewegung. Der Glaube an das Gute nährt in mir die Hoffnung, dass die mutige Qualität möglichen traditionellen Einflüssen von Vorgestern oder Übermorgen weiterhin widerstehen können. An einem wunderschönen strahlend blauen Sonntagnachmittag wurde unsere Vorfreude auf das ‘Dolce Vita’ am Schwielowsee jäh getrübt. Man sah sich außer Stande, jetzt gegen 16 Uhr, wo man gerade am Wochenende den Brunch eingeführt hatte, auch noch am Nachmittag Speisen anzubieten. Schade. Die Plan-Küche hatte sich an diesem Tag wieder durchgesetzt. Man empfahl uns eine Baude in guter Nachbarschaft unter gleicher Rigide, nicht ohne der Sorge Ausdruck zu verleihen, dass dort wohl kein freier Platz zu erheischen sei. Die 30 Meter waren schnell durch den märkisch-karibischen Sand gestapft, die Edel-Bude offenbarte einen einzigen besetzen Tisch im angenehm luftigen Inneren. Keine Außenwand versperrte den Blick auf den See. Drinnen war, verglichen mit einem Carport, eher zugig. Trotzdem war das Rauchen nicht erlaubt. Draußen gleich eine schöne Beachbar unter Topf-Palmen mit sehr angenehmem Sitzmobiliar, allein, hier war nun das Essen verboten. Wir wollten aber Beides. So kamen wir nicht zusammen, die Strand-Bude, der Gastronomie-Plan und meine Besatzung. In der wirklichen Karibik undenkbar, im Märkischen nicht. Enttäuscht, hungrig und durstig enterten wir das eigene Boot, wohl wissend, dass das andere Ufer lockt. Kulinarisch, versteht sich.



Während die speise- oder rauchfreie Beach-Bude hinterm Heck immer kleiner wird, türmt sich bei der Fahrt über den „Schwielowsee“ vorm Bug ‘Disneyland’ auf. Made in Germany, East-Germany. Es verdient seinen vom jedem sofort nachvollziehbaren Spitznamen zweifellos der Tatsache, dass es in diese Landschaft passt, wie Gaudis „Sagrade Familia“ in Barcelona oder das Brüsseler „Atomium“. Ein Verein aus Gebern und Nehmern von öffentlichen Geldern und vor allem von alten Seilschaften, aus der Zeit wo es für uns noch keine Wasserwelt hinter dem Wannsee gab und Margot noch bestimmte, was und wie Kinder in der friedensbewegten Republik zu lernen hatten, hat hier eine real-kapitalistische Welt nicht nur des maritimen Luxus geschaffen. Traumstege, ein edles Restaurant am Hafen, das den Vornamen von Hemingway trägt, eine Havanna-Bar, mit den dazu gehörigen Handgerollten und Rum von einer Güte, wo schon ein einziger Eiswürfel pure Blasphemie, ein Dash Cola gar ein Grund für eine handfeste Auseinandersetzung mit einem Liebhaber der destillierten Zuckerrohr-Melasse bedeuten kann. So frei ist Cuba nun doch nicht. Die ebenso komfortablen wie sauberen sanitären Anlagen für die meist überdurchschnittlich betuchten Boatpeople finden sich zwischen Bungalows und einer Hotelanlage, die an die berühmte Insel Fidels und Ches erinnern soll, aber eher die Atmosphäre von ‘Miami Vice’ verbreitet. Auf der handgetrimmten Rasenfläche dominiert ein riesiger Wegweiser, der die Distanz bis Havanna exakt mit 6262 Seemeilen angibt. Unabdingbare Navigationshilfe für jeden Durchreisenden.



Orientierungshilfe im Resort Schwielowsee

Wem das gefällt, der genießt vielleicht auch den Service, sich frische Brötchen und Zeitung morgens ans Boot bringen zu lassen. Und das alles bei zwei Euro pro Meter. Wobei hier die Länge der benötigten Box gezählt und bezahlt wird, nicht die des Schiffs. 8 Meter ist das Minimum, somit habe ich zumindest nichts vergeudet. Aber trotzdem kein ‘Schnäppchen’, dafür immerhin inklusive Strom, Wasser und vorbildlichem sanitärem Service – und die schöne Aussicht auf den See. Wer das investieren mag, dem bleibt dann sicher auch noch was für Bar und Restaurant. Aber auch hier ist noch Einiges in Bewegung. Der ‘Investor’ verbrachte in den letzten Monaten deutlich mehr Zeit in Untersuchungshaft, als ich auf meinem Boot. Trotz in etwa vergleichbarem Raumangebot, ist es nicht nur der bescheidene Komfort an Bord und die deutlich schönere Aussicht, die mich hier im Vorteil wähnt. Die Liste der dem gefallenen Lokalfürsten vorgeworfenen Bestechungen und Bestechlichkeiten würde diesen Rahmen sprengen. Aber man kann immerhin in dem von ihm hinterlassenen „Resort Schwielowsee“ rauchen. Das war und ist in Havanna so üblich, in Florida nicht. Unsere legere und nicht mehr ganz frische Kleidung ist im „Ernest“ kein Problem. Die reiche Auswahl an guten Franzosen und vollmundigen Shiraz-Weinen tröstet schnell über den freundlichen, aber schlecht ausgebildeten Service hinweg. Nach den Stundenlöhnen haben wir nicht gefragt. Gerade bei der Begegnung mit anderen Kulturen sollte dem West-Berliner der Respekt wichtiger sein, als die schiere Neugier. Die Speisen sind engagiert zubereitet, das Angebot hingegen seit 2 Jahren bis auf saisonale Extras identisch. Gehobener Standard zu ebensolchen Preisen. Das Auge, das beim Verzehr über die schöne Hafenanlage schweift, isst mit, was in der Kalkulation rücksichtsvollerweise gleich mit eingerechnet wurde. Mitten in East-Germany, geführt von alter ostdeutscher Devisen-Elite und importiertem westdeutschem Boulevard-Pöbel. Der sich noch auf freien Fuß befindende Vize-Admiral der Anlage hatte eine Weile die redaktionelle Hoheit über die Zeitung mit den vier Buchstaben. Ich hoffe, der Leser macht sich jetzt kein falsches Bild. Ehre, wem Ehre gebührt.

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