Oxly Boote

Wilde Osten“ zwischen Wannsee und Elbe

Teil 3 – Tretboote, Wassersuppe und die Hanse

Mai 2012 © Kai Mauer

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Zeitreise im Boot auf der Havel

Der Beginn des nächsten Tages auf der Fahrt durch die Brandenburger Niederhavel gleicht einer beeindruckenden Zeitreise, bei der die Gegenwart gesucht und verstanden werden will. Auf den ersten etwa 6, vielleicht 7 Kilometern durch das Flussbett, harmoniert die wiedererstarkte Natur mit dem totalen Verfall sozialistischer Industriedenkmäler, einem Trend, dem sich auch die ehemals gut frequentierte Wassertankstelle an der pleite gegangenen Hohmann-Werft nicht entziehen konnte. Schade, denn der Standort für eine SB-Tankstelle war und ist ideal. Die vom frischen und frechen Grün überwucherten Ruinen auf beiden Seiten verströmen einen ganz besonderen und gleichermaßen unwirklichen Reiz, ähnlich dem eines Endzeitfilms, nur das auch Kevin Costner in dieser Wasserwelt nicht segeln kann. Kurz bevor unser Boot in den nächsten See eintaucht, was ganz nebenbei wieder mit einem fast spektakulären Blick über eine lange Mole auf die gleißende Wasserfläche dahinter einhergeht, passieren wird an Backbord das „Buhnenhaus“ mit Camping und Bootsanlegern. Küche und Keller blieben bislang von mir ungetestet, was aber auf einer der sicher noch ausstehenden weiteren Havelreisen nachgeholt werden wird.


Der Breitlingsee vorm Bug

Breit ist er, der jetzt erreichte „Breitlingsee“. Nach längerer Flussfahrt empfindet man die nasse Weite schon fast wie die wirkliche See, also die offene. Nur ist es falsch daraus zu schließen, dass auch unter dem Kiel immer genug Flüssiges vorhanden sei. Im Gegenteil. Vor Untiefen sei hier wieder explizit gewarnt. Aber wir wagen uns nach Süden, umrunden die „Kanincheninsel“ – nomen est omen – und steuern auf eine Landzunge, die einen Campingplatz und das „Gasthaus am See“ offeriert. Beides zusammen residiert unter dem Begriff „Malge – Marina und Camping“. Hier gibt es nicht nur alles, was ein echter Skipper nicht braucht, wie Ruderboote, Kanus und Tretboote die dem Ausflugspublikum zur Vermietung angeboten werden, sondern auch einen Biergarten, ein rustikales und ein etwas gediegeneres Restaurant. Letzteres ehrlich, bieder, unspektakulär. Ersteres mögen andere erkunden. Die Steganlagen hingegen mit Wasser und Strom, sind einwandfrei. Doch halt, einen Einwand hätte ich. Bei den Maßen der Stege wird wieder mehr Wert auf Länge, denn auf Breite gelegt. Wahrscheinlich eine unbewusste Reminiszenz an die Tage des letzten Einbaums. Aber wir haben gefahrlos festmachen können, zur Abwechslung und zur Sicherheit mal ein Bier im Garten bestellt und das Ausflugsambiente, sowie die Tretboote ebenso tolerant ertragen wie arrogant ignoriert. Man muss schon Westberliner sein, um hier nicht länger als nötig verweilen zu wollen.

Also noch ein Wein an Deck, eine Tellerchen mit luftgetrocknete Tomaten in pikantem Olivenöl für den anderen Geschmack, ab in die Koje – und am nächsten Morgen Leinen los! Dabei fällt mir ein, dass ich bisher vergessen habe zu erwähnen, was ich neben seelenloser Ernährung sonst noch meide. Den gleichen Weg zurück nehmen zu müssen, den ich gekommen bin, ist mir ein Gräuel. Das erscheint mir widersinnig, langweilig und vor allem völlig unmutig. Also geht’s mit festem Blick auf das Echolot auf einen kleinen Umweg durch die angrenzende „Mösersche See“, statt wieder ein Stück zurück in Richtung Karnickel-Archipel. Wer uns hier folgen will, braucht auch das Einsehen, dass sich manche Untiefen des Lebens und fast alle der Binnenseen umschiffen lassen. Wenn man nur will, den Konsum von vergährtem Traubenmost am Vorabend nicht übertrieben – und das Echolot richtig justiert hat. Denn wer einmal mit seiner Schraube den Grund ergründet hat, sich anschließend den Vibrationen seiner eigenen Antriebswelle ausgesetzt fühlte, der versucht diese Erfahrung submariner Art nicht zwingend zu wiederholen. Aber geschafft! Der sich anschließende „Plauer See“ empfängt uns mit dem sicheren Gefühl, eineinhalb Meter unter dem Kiel zu haben. Das ist deutlich mehr, als die sprichwörtliche ‘handbreit Wasser’.

Wen es gleich zur Elbe zieht oder wer gar noch pünktlich zum Einlass in die Semperoper möchte, der nimmt jetzt sicher den schnellen Weg durch den „Wendsee“ und den sich anschließenden öde langen „Elbe-Havel-Kanal“, aber wir wollen ja den Fluss befahren und auf die nächste Etappe freuen wir uns. Also den Kompass auf Norden getrimmt und wieder empfängt uns die Havel in ihrer ursprünglichen Form mit natürlichen Ufern und sattgrünen Auen, vielen schönen Seitenarmen und nur einer einzigen Schleuse bis Rathenow. Für diesen Abschnitt gilt das Gleiche, wie schon vorher erlebt, befahren und beschrieben. Wunderschön. Ganz viel Natur und sonst nichts. Die wenigen nativen Anwohner mögen uns verzeihen. Wir sind ja nur neidisch. Für einen wunderschönen Augenblick.


Der 'Stadthafen' in Rathenow

Rathenow, was soll ich sagen? Noch eine kleine Schleuse, davor der sogenannte „Stadthafen“ mit wenigen Festmachern an der Wand und einem ‘Wirtshaus’, das zu betreten ich mich standhaft geweigert habe, eine staubig, karge Promenade, einer Station der Wasserschutzpolizei, sowie einem sogenannten Yachthafen mit einem halben Meter Tiefgang. Kurz: Es ist ein gutes Gefühl, wenn man das alles unbeschadet umrundet hat und hinter sich lassen kann, zumal sich weitere kulturelle oder architektonische Lichtblicke vom Fluss aus nicht erahnen lassen. Das, was man sieht, will man nicht sehen. Charmanter kann ich Rathenow nicht beschreiben, die sicher liebenswürdigen Einwohner werden mich verstehen oder verstoßen. Aber es warten ja noch so viele andere Abenteuer. Nur 7 oder 8 Kilometer Flussfahrt später könnte man Steuerbord einen Abstecher durch die „Hohennauer Wasserstraße“ in den gleichnamigen See wagen, aber der zentrale Ort an diesem See heißt „Wassersuppe“ und der aufmerksame Leser ahnt sicher schon, wie wir uns entschieden haben. Richtig. Wir folgen also neugierig dem Flusslauf der Havel, lassen uns von einer weiteren Schleuse nicht lange aufhalten, tuckern mit dem artig gezügelten Monster unter Deck durch die Fluss-, Wald- und Wiesenlandschaften. Ach, wie anders ist das Reisen per Motorboot, verglichen mit den sonstigen Errungenschaften der emissions-behafteten Verbrennungskultur. Auto, Bus oder Flugzeug haben in der Erinnerung nur den einen Zweck: Das Ankommen. Auf dem Boot gewinnen wir etwas zurück, was schon verloren geglaubt war. Das Reisen. Diese Gefühl kann man kaum beschreiben, man muss es tun. Einzig die Pferdekutsche wäre eine denkbare Alternative. Aber an welcher der vielen und oft unübersichtlichen Zapfsäulen der Relaisstationen des fossilen Zeitalters bekomme ich Heu und Hafer nach Iso-Norm? Dieses Wissen scheint abhanden gekommen zu sein, da hilft auch keine Mitgliedschaft in einem auto-mobilen Club oder ein Coupon einer amerikanischen Bulettenkette. Was uns bleibt ist der Fluss und das Boot – und der geübte Dreh mit dem Zündschlüssel. Aber ein bisschen anders ist besser als gar nicht. Auch das ist relativ.

Die Havel treibt uns weiter. Zweideutig, eindeutig. Der Strom nimmt Gewalt an. „Alte Dosse“ und „Neue Dosse“ an Steuerbord könnten uns nur locken, wenn wir ein Beiboot hätten und jemand, der es rudern wollte. Haben wir nicht, wollen wir nicht. Aber die Fahrt durch die folgenden etwa 5 Kilometer Naturschutzgebiet auf dem immer breiter werdenden Fluss, die wollen wir. Dabei quält uns kein schlechtes Gewissen, die streng geschützte Natur mit dem Verbrenner zu durchfahren. Man muss Widersprüche ignorieren können, um sie zu erleben.

Unversehens geraten wir in das Hoheitsgebiet der Hanse. Manchen mag das jetzt irritieren, immer noch fernab vom offenen Meer, aber tatsächlich erheben sich vor uns Wasserturm und Dom der alten „Hansestadt Havelberg“. Wirklich ein sehenswerter und lehrreicher Ort. Mit großer Vergangenheit und mehr als zweifelhafter Zukunft. Wenn überhaupt. Aber eins nach dem anderen. Wir steuern den „Winterhafen“ an, der anders als der Name vermuten lässt, auch im Sommer befahrbar ist. Der nette Hafenmeister in der landestypischen Tracht des Trainingsanzugs, weist uns eine ausreichend große Box für unser Expeditionsgefährt zu. Alle haben Hunger, auch das blubbernde Monster unter Deck. Auf der mitgeführten Schifffahrtskarte ist dieser Anlegeplatz mit einem großen „T“ gekennzeichnet. „T“ wie „Tanken“. Also fragen wir entspannt, wo denn das unsere Mobilität garantierende Treibstoff-Reservoir verborgen sei. Der Hafenmeister deutet gelassen auf einen Handkarren und mehrere leere Kanister. „Ungefähr 3 bis 4 Kilometer in dieser Richtung“, murmelt er mit ausgestreckter Hand. „Da ist ‘ne Tankstelle an der Straße – und wenn ihr euch beeilt, leihe ich euch den Karren. Aber in ‘ner Stunde hab ich Feierabend!“ Ganz ehrlich: Man überwindet den Schock, lässt sich nichts anmerken und zieht einfach los. Mit dem Handkarren und den Kanistern. Improvisation und Durchhaltevermögen galt nicht nur ehemals im Wilden Westen als Voraussetzung fürs Überleben. Hier ist es das immer noch so. Nicht nur für Durchreisende. Nur zählt in den Havelsiedlungen weder das Bewusstsein, wo Nachfrage ist, ist auch ein Angebot, noch die gefühlte Magie, dass die Kreditkarte in der wasserdichten Tasche alle Türen öffnen könnte. Im Westen eine schöne Illusion, im Osten einfach ein krasser Trugschluss. Hin ‘im Geschirr’ ging ja noch, aber zurück mit vier gefüllten 30-Liter-Kanistern, was immerhin fast für eine halbe Tankfüllung reicht, wurde es schon eine neue Grenzerfahrung. Mitten in Deutschland, mitten in Havelberg, mit einem Handkarren voll raffiniertem Erdöl. Die gleiche Szene in der Toskana oder in Andalusien hätte uns wenigstens einen betagten Esel beschert. Auch den müssen wir hier kompensieren. Was uns wieder einmal anspornt, sind niedere Instinkte, die nach gehobener Befriedigung verlangen: Hunger und Durst. Gut, der Benzinverbrenner hat jetzt wieder Reserven, unser sind erschöpft. Treibstoff gebunkert, Karren nebst Kanistern fristgerecht wieder abgegeben, die Möhre vor Augen treibt uns erneut aufs Festland. Wir haben ein Ziel.


Einkaufsgasse in Havelberg

Breit ist er, der jetzt erreichte „Breitlingsee“. Nach längerer Flussfahrt empfindet man die nasse Weite schon fast wie die wirkliche See, also die offene. Nur ist es falsch daraus zu schließen, dass auch unter dem Kiel immer genug Flüssiges vorhanden sei. Im Gegenteil. Vor Untiefen sei hier wieder explizit gewarnt. Aber wir wagen uns nach Süden, umrunden die „Kanincheninsel“ – nomen est omen – und steuern auf eine Landzunge, die einen Campingplatz und das „Gasthaus am See“ offeriert. Beides zusammen residiert unter dem Begriff „Malge – Marina und Camping“. Hier gibt es nicht nur alles, was ein echter Skipper nicht braucht, wie Ruderboote, Kanus und Tretboote die dem Ausflugspublikum zur Vermietung angeboten werden, sondern auch einen Biergarten, ein rustikales und ein etwas gediegeneres Restaurant. Letzteres ehrlich, bieder, unspektakulär. Ersteres mögen andere erkunden. Die Steganlagen hingegen mit Wasser und Strom, sind einwandfrei. Doch halt, einen Einwand hätte ich. Bei den Maßen der Stege wird wieder mehr Wert auf Länge, denn auf Breite gelegt. Wahrscheinlich eine unbewusste Reminiszenz an die Tage des letzten Einbaums. Aber wir haben gefahrlos festmachen können, zur Abwechslung und zur Sicherheit mal ein Bier im Garten bestellt und das Ausflugsambiente, sowie die Tretboote ebenso tolerant ertragen wie arrogant ignoriert. Man muss schon Westberliner sein, um hier nicht länger als nötig verweilen zu wollen.

Also noch ein Wein an Deck, eine Tellerchen mit luftgetrockneten Tomaten in pikantem Olivenöl für den anderen Geschmack, ab in die Koje – und am nächsten Morgen Leinen los! Dabei fällt mir ein, dass ich bisher vergessen habe zu erwähnen, was ich neben seelenloser Ernährung sonst noch meide. Den gleichen Weg zurück nehmen zu müssen, den ich gekommen bin, ist mir ein Gräuel. Das erscheint mir widersinnig, langweilig und vor allem völlig unmutig. Also geht’s mit festem Blick auf das Echolot auf einen kleinen Umweg durch die angrenzende „Mösersche See“, statt wieder ein Stück zurück in Richtung Karnickel-Archipel. Wer uns hier folgen will, braucht auch das Einsehen, dass sich manche Untiefen des Lebens und fast alle der Binnenseen umschiffen lassen. Wenn man nur will, den Konsum von vergährtem Traubenmost am Vorabend nicht übertrieben – und das Echolot richtig justiert hat. Denn wer einmal mit seiner Schraube den Grund ergründet hat, sich anschließend den Vibrationen seiner eigenen Antriebswelle ausgesetzt fühlte, der versucht diese Erfahrung submariner Art nicht zwingend zu wiederholen. Aber geschafft! Der sich anschließende „Plauer See“ empfängt uns mit dem sicheren Gefühl, eineinhalb Meter unter dem Kiel zu haben. Das ist deutlich mehr, als die sprichwörtliche ‘handbreit Wasser’.

Wen es gleich zur Elbe zieht oder wer gar noch pünktlich zum Einlass in die Semperoper möchte, der nimmt jetzt sicher den schnellen Weg durch den „Wendsee“ und den sich anschließenden öde langen „Elbe-Havel-Kanal“, aber wir wollen ja den Fluss befahren und auf die nächste Etappe freuen wir uns. Also den Kompass auf Norden getrimmt und wieder empfängt uns die Havel in ihrer ursprünglichen Form mit natürlichen Ufern und sattgrünen Auen, vielen schönen Seitenarmen und nur einer einzigen Schleuse bis Rathenow. Für diesen Abschnitt gilt das Gleiche, wie schon vorher erlebt, befahren und beschrieben. Wunderschön. Ganz viel Natur und sonst nichts. Die wenigen nativen Anwohner mögen uns verzeihen. Wir sind ja nur neidisch. Für einen wunderschönen Augenblick.