Oxly Boote

Der „Wilde Osten“ zwischen Wannsee und Elbe

Teil 2 – Das Schöne und das Grauen

Mai 2012 © Kai Mauer

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Die vielen Annehmlichkeiten im Resort Schwielowsee lassen einen Städter ironischerweise nach mehr Ursprünglichem und weniger subventioniertem Blendwerk dürsten. Also Leinen los, wieder unter der B 1 hindurch getaucht und hinein in den „Zern-See“, der Große kommt noch. Wer will, kann gleich Backbord eine schmale Passage suchen, die in den „Glindower See“ führt. Landschaftlich nicht ohne Reiz, aber selten habe ich West- und Ost-Spießer so einträchtig beisammen vor Anker gesehen. Das dargebotene Bild schreit nach der zwingenden Ergänzung durch schwimmende Jägerzäunchen, um die jeweiligen Privatsphären des kleinen Glücks zu markieren. Nichts für mich und meine elitären Marotten, also wieder klaren Kurs auf „Werder“. Ein Städtchen, ein Inselchen, beides von Erich und seinen ‘Modernisierungen’ fast gänzlich verschont. Gegenüber residieren seit der Kulturwende mal schamhaft, mal protzig unter Schinkels Säulen, einige Klassizisten aus dem Westen, ducken sich in „Wildbad-West“, was zurückhaltender klingt, wie die eng benachbarte „Henning-von-Treschkow-Kaserne“ mit dem in ihr ansässigen „Einsatzführungskommando“ auf historischem Grund. Wessen Einsatz hier von wem geführt wird, ist hingegen wieder kein maritimes Thema. Also zurück nach „Werder“. Um die Insel ‘rum, mutig hindurch zwischen unzähligen kleinen roten Bojen einer jetzt weitestgehend dopingfreien Ruderregattastrecke, kann man sich einem Kleinod in der Havellandschaft nähern und am Gemeindesteg des Städtchens festmachen, so das Boot in eine der vielen und viel zu engen Boxen passt, deren Pfähle ein Planer aus dem Westen in den Grund des Ostens hat treiben lassen. Über das fast völlige Fehlen jedweden Komforts tröstet aber Vieles hinweg. Die guten Stege, die netten Nachbarn, die ‘ruhige See’ in der wohl geschützten Bucht – und vor allem der nette und hilfsbereite Hafenmeister. Übrigens auch ein ‘Westimport’, der seinen Steg in der Regel gegen 17:00 h nach Neuankömmlingen abläuft und immer einen Humor verströmt, wie ihn wohl nur West-Berliner wirklich verstehen und lieben, während er seinen Euro pro Meter kassiert und quittiert. Strom kostet extra. Hier ist immer Betrieb, viele Tagesanlieger, viele Stammgäste. Trotz des westlichen Einflusses wird die Frage nach sanitären Einrichtungen mit alt-sozialistischer Geduld beantwortet. Man müsse schließlich erst mal prüfen, ob es eine Nachfrage gäbe, dann würde gegebenenfalls das Angebot folgen. Da ist er wieder, der Plan, das kenne ich auch andersherum.


Die Insel von Werder im Fluss Havel

Ein guter Rat gleich zu Beginn: Verweile solange auf dem Boot, bis die letzten Heizdecken des Tages verkauft und die rollenden Rentner-Trecks den sehenswerten Ort auf der Insel samt Gehhilfen und Re-Animateuren verlassen haben. Erst dann erschließt sich die Idylle der Inselstadt mit ihrem malerischen kleinen Häuschen und engen kopfsteinbewehrten Gassen, der alten Windmühle und den nun geschlossenen kleinen Wohnzimmer-Cafes. Der Kuchen ist aus, der Kaffee kalt, wir haben Hunger und ziehen uns wieder zurück über die Brücke aufs vorgelagerte Festland. Gleich lockt ein Eiscafé hüben, eine leidlich-gute Pizzeria drüben. Ignorieren! Es folgt ein Laden für maritimen Zubehör. Gut zu wissen, aber wenig sättigend, zumal mich der Name „Surf & Sail“ als echten Verbrenner nicht anspricht. Dann der nette Grieche mit seiner aufrichtigen Gastfreundschaft und der klischeebeladenen Ouzoflasche in der rechten Hand, der Schuldenkrise zum Trotz. Auch ihn passieren wir heute und lassen ihn an Backbord liegen. Unser Ziel ist nicht die sättigende Mixed-Grill-Platte mit Zaziki, obwohl dieser nette Mann hier im Osten bestimmt nicht das verdorbene Lammfleisch aus dem Westen mit südeuropäischer Knoblauchnote überdeckt, sondern wir streben zum wahrscheinlichen Höhepunkt unserer Reise auf der unteren Havel. Jedenfalls kulinarisch gesehen. Unser Ziel ist die „Trattoria Del Viale Carmelo Faruggio“. Wer sich den Namen auf Grund einer weniger ausgeprägten Affinität zur romanischen Sprachkultur nicht merken kann oder wer als Berliner gerne eine Eselsbrücke bemüht, dem sei die Adresse angetan: „Unter den Linden 13“. Das merkt sich auch der Preuße. Aber schon wieder weiche ich ab. Wir wollten essen. Wer ganz großes Glück hat, darf neben dem ebenso kompetenten, wie charmanten Inhaber, auch dessen von teutonischen Einflüssen gänzlich unversehrten Vater kennenlernen. Geschätzte 75 Jahre Lebensfreude, die mit der Zunge schnalzt, wenn jemand weiß, was gut ist und es bestellt. Die Pasta ist richtig lecker, aber ich empfehle zwingend ein „Tagliata di manzo“. Mir ist absolut unerklärlich, wie man eine solche Fleischqualität zu diesen Preisen servieren kann. Der gehobelte Parmeciano und das kostbare Trüffelöl tun ihr übriges. Wenn man das in der Hauptstadt so überhaupt bekommt, dann mindestens für das Doppelte. Ich schließe Aufbau-Ost-Mittel ebenso konsequent als Begründung dafür aus, wie historische Freundschaften zwischen italienischen Gastronomen und ostdeutschen Rind- und Trüffelzüchtern, lediglich die im Vergleich zum Westen günstigen Mieten mag ich akzeptieren. Als Raucher nehme ich gerne vor dem Haus Platz und inhaliere freiwillig neben Nikotin und Teer auch noch Ruß und Abgase der dicht an meinem Tisch vorbeifahrenden Radfahrzeuge ein, obwohl die Einrichtung des Inneren eine wunderschöne und geschmackvolle Atmosphäre verstrahlt und von all diesen Emissionen nahezu unbelastet wirkt. Das tut aber auch der Primitivo, den es hier in einer sehr ordentlichen Qualität zum günstigen Preis oder in einer mehr extravaganten Abfüllung gibt. Ganz nach Belieben und nach Investitionsbereitschaft. Und ehrlich, als zumindest tendenziell arroganter Wessi hätte ich diese Insel der mediterranen Lebensfreuden im Osten nicht erwartet. Aber – in bin noch in der Lage, dazu zu lernen. So immer gerne!

Es gibt noch andere nennens- und lobenswerten Ziele in Werder, zum Beispiel das „Alfred & Otto“, schon lange kein Geheimtipp mehr, was der oft unfreundliche Service nicht verhindern konnte, vom Weinangebot aber wett gemacht wird, doch ich will wieder auf’s Wasser, nicht die Einbürgerung beantragen. Dafür bin ich noch zu jung. Jetzt kommt, hinter der Eisenbahnbrücke, bald der richtig „Große Zernsee“. Wären wir nicht noch vom Vorabend gesättigt, könnte die „Marina Zernsee“ an Backbord einladen. Wer die auflandigen Windverhältnisse beim Anlegemanöver und den schroffen Hafenmeister überwunden hat, wird im Restaurant mit gutem Essen und aufgeschlossenem Weinangebot belohnt. Zum Glück, denn das Verlassen der Marina über Land ist wenig verlockend. Ein kurzer Blick über die Grenzanlagen des maritimen Stützpunkts genügt. Bonjour tristesse. Da bleibt man lieber im vertrauten Skipper-Getto und erträgt die akustische Folter der alu-bemasteten Segler mit seemännischer Fassung oder nutzt den gegen ein Pfand erhältlichen Schlüssel für die guten sanitären Einrichtungen.

Wir nähern uns unvermeidliche einem der landschaftlichen Höhepunkt der Havelreise. Doch zunächst steuern wir auf eine Autobahnbrücke zu, die den Namen des Flusses trägt, den sie laut rauschend überspannt. Kurz davor verbirgt sich eine Bootstankstelle nebst undurchschaubaren Strukturen einer sich offenbar aber noch in der Entwicklung begriffenen Marina. Diesel gibt’s günstig und bequem, sofern das Wendemanöver im engen Hafenbecken möglich ist. Super hingegen nur hinter vorgehaltener Hand, die selbst angelegt werden muss, um die marode Elektro-Pumpe durch rhythmische Bewegungen am dünnen, kurzen Hilfs-Hebel zu unterstützen. Auch Maschinen sind nicht vor Debilität gefeit, was auch irgendwie eine beruhigende Komponente hat. Für weitere Investitionen fehlt es hier weder an Nachschub noch an Glauben, schon gar nicht an der Hilfsbereitschaft der freundlichen Mitarbeiter, sondern an der erforderlichen Genehmigung und damit an einer Perspektive für weiteres Kapital. Aber jetzt endlich ab durch die Brücke. Es beginnt ein Stück Natur, das für Berliner schon an Wildnis grenzt. Hier fließt der Fluss, wie er will und wie er kann. Keine befestigten Ufer zwingen ihn in begradigte Bahnen. Eine wundervolle Windung folgt der nächsten, immer wieder kleine Buchten, die zum Ankern einladen. Keine Wohnwagenburgen stören das optische Idyll, wie das an Rhein oder Mosel zweifellos unvermeidbar zu sein scheint. Auch sonst halten sich die Vorposten der Zivilisation weitestgehend und vornehm zurück. Die Unversehrtheit dieses Reviers ist ganz sicher auch dem „Sacrow-Paretzer-Kanal“ zu verdanken, der schnurgerade all das für die Schrott- und Kies-Kapitäne abkürzt, was ich seit meiner kurzen Vollgasstrecke vor der „Glienicker Brücke“ beschrieben habe. Zum Glück sind meine Ladekapazitäten mit knapp 3 Tonnen schwimmendem Gesamtgewicht begrenzt – jedenfalls für Schrott und Kies – und der Weg ist wieder mal unser Ziel.


Auf der Havel vor Anker

Nach der Vereinigung von Havel und Kanal kreuzt bald wieder eine Seilfähre bei Ketzin unseren Weg. Wer nicht mehr als 5 Meter festzumachen hat oder seine überzähligen Bruttoregistertonnen den windschiefen Pfählen anvertrauen mag und danach unbedingt den Scharm einer ostdeutschen Fritteuse kennenlernen will, kann neben der nördlichen Anlegestelle versuchen bei „An der Fähre“ halt zu machen. Die Bezeichnung „Gaststätte“ gibt aber zu denken, jedenfalls, wenn man es mit der deutschen Sprache ernst meint. Und, das muss an dieser Stelle auch gesagt sein, solche kulturellen ‘Downlights’ gibt es auch im Westen. Zur Genüge.

Wirklich ernst meine ich es mit dem nächsten Abstecher. Für Boote mit etwa einem Meter Tiefgang, also für fast alle, die nicht auf einem luftgefüllten Schlauch stehen, ist der folgende Abzweig nach ‘Ketzin-City’ einen Blick auf die Wasserkarte wert. Sonst drohen Untiefen. Und es gibt keinen Grund, vor Ketzin auf Grund zu laufen. Grund genug für einen One-Night-Stand ist in jedem Fall aber der neue Gemeinde-Hafen dieser Kleinststadt. Die übersichtliche, aber prinzipiell nett gestaltete Uferpromenade und die wirklich tollen Schwimmstege der kommunalen Marina sind spitze, die Hafenmeisterin ebenso nett wie unkompliziert, der Meter kostet nur noch 75 Cent, der Entendreck ist saisonal bedingt. Es liegen alle Medien am Steg an, die das Herz der Wasserwanderer höher schlagen lassen, in Toilette und Dusche hat man investiert, bevor die Nachfrage dazu nötigte, der gewerbliche Verkehr maritimer Art nimmt mit Einbruch der Dunkelheit schlagartig ab, die Ruhe an Bord ist also garantiert, wenn der Nachbarsteg unbesetzt geblieben oder von nicht mehr paarungswilligen oder -fähigen Besatzungen belegt wurde. Jetzt noch ein tolles Restaurant mit Blick auf diesen Arm der Havel und dazu noch auf das eigene sicher vertäute Boot, wäre des Guten zu viel. Richtig. Es lockt zwar eine öffentliche Einkehr gleich hinter dem Kiosk der Hafenmeisterin, bei der man über das wirre Plastikmobiliar im Vorgarten auf Grund des tollen Ausblicks noch wohlwollend hinwegzusehen in der Lage ist, allein, der unglaublich schlechte Service, die sture Ignoranz des Inhabers oder die vollständige Abwesenheit von auch nur rudimentären Kenntnissen der deutschen, englischen und vor allem der italienischen Sprache der übrigen Mitarbeiter aus dem vorwiegend serbokroatischen Raum, das dich im „Prosecco“ überfällt, strotzt jeder Beschreibung. Etwas Ungastlicheres ist kaum vorstellbar, wäre da nicht das Ergebnis dessen, was dieses ausgesuchte Personal von der Küche auf deinem Plastiktisch transferiert. Unbeschreiblich. Keine Imbiss-Bude auf einem Berliner S-Bahnhof würde es sich wagen, so etwas zu offerieren. Jedenfalls nicht ungestraft. Ich bin wirklich gegen jegliche überflüssige Reglementierung durch staatliche Institutionen, aber wer hier einmal eingekehrt ist, wünscht sich, dass der Begriff „Italienisches Restaurant“ gesetzlich geschützt wird. Die wunderschönen Stege, die nette Hafenmeisterin, die kleine aber gemütliche Promenade – alles ist dahin, wenn man sich dieser ‘Lokalität’ ausliefert hat. Wäre ich Bürgermeister in Ketzin, würde ich diesen wunderschönen Standort per Enteignung übernehmen und in ein ehrliches, ostdeutsches Lokal mit Schweineschnitzel auf der Tageskarte verwandeln. Meinetwegen sogar mit ‘Zigeunersoße’. Roma und Sinti mögen mir verzeihen, aber alles ist relativ.

Die ruhige Nacht am Steg, sowie Wein, Oliven, Käse und Roggenbrot aus der Bordküche haben das Überleben in Ketzin gesichert, lassen uns am nächsten Morgen den Mut zu einem kurzen Landgang fassen, denn das „Prosecco“ ist glücklicherweise noch geschlossen. Wir überwinden diesen Ort des gastronomischen Grauens, stoßen beherzt in das teils reizvolle, teils bröckelnde Städtchen vor, erreichen einen wirklich akzeptablen Supermarkt mit frischen Produkten und kaufen unser Frühstück aus dem Bio-Sortiment ein. Schnell zurück aufs sichere Boot, Leinen los und Kurs auf den Rest des kleinen Seitenarms der Ur-Havel. Zugegeben, die vertikale Navigation per Echolot wird zu einer anspruchsvollen Aufgabe, aber ist es nicht auch das Abenteuer, das uns Städter in die Natur lockt? Suchen wir nicht das unsichtbare Unbekannte um uns zu messen und unsere rudimentäre Überlebensfähigkeit zu beweisen? Feiern wir nicht gerne diese Momente als scheinbaren Gegenbeweis zu unserer latenten Dekadenz? Wie auch immer, schon fünfzehn Minuten später erreichen wir unbeschadet, aber stolz, eine kleine Bucht in der auch hier naturbelassenen Havel, der Anker fällt, der 6-Zylinder-Bolide schweigt, die absolute Ruhe, Vögel und Fische um uns herum bestimmen die Atmosphäre zwischen Wiesen und kleinen Wäldchen. Frühstück auf der Plicht. Die absolute Entspannung und die totale Entschleunigung. Nein, ich bin kein Anthroposoph, kein richtiger Naturbursche, sondern ein schlichter Stadtmensch mit weniger schlichten Sehnsüchten. Aber die archaischen Gene funktionieren noch. Ähnlich der ewigen Faszination des Lagerfeuers ist auch jeder Ort ohne Mensch und Maschine eine ungeheure Versuchung – für den Moment. Ketzin ist jedenfalls einen Abstecher wert, nur für das leibliche Wohl sollte man sich nicht allein auf das lokale Angebot der Gastronomie verlassen, sondern besser auf die kleinen Schätze vertrauen, die man unter Deck gehortet hat. Nichts ist umsonst.

Anker hoch und weiter die Untere Havel hinunter. Auf den folgenden Kilometern locken unzählige ruhige Seitenarme und sanft geschwungene Buchten. Wer hier kein ‘privates Plätzchen’ findet, für was auch immer, der hat Angst vor zu viel Natur, zu wenig Menschen oder davor, ein gestecktes Reiseziel nicht rechtzeitig zu erreichen. Was kein Widerspruch ist. Man kann die wenigen Kilometer bis Brandenburg in einer Stunde fahren, ohne die zulässige Höchstgeschwindigkeit zu überschreiten, aber man kann hier auch einen halben oder ganzen Tag vertrödeln, ohne eine Sekunde zu bereuen.

Kurz vor dem Städtchen, das einem ganzen Bundesland den Namen gab, muss man sich entscheiden. Entweder über Backbord in die Brandenburger Stadthavel oder geradeaus durch eine der beiden Kammern der üppig dimensionierte Vorstadtschleuse in den Kleinen oder den „Großen Beetzsee“. Der Große an Steuerbord bietet wenig Erwähnenswertes, weder maritimer noch kulinarischer Art. Zudem ist er eine nautische Sackgasse, an der manch bauliche und kulturelle Blüte der Vorwendezeit bis heute fast unbemerkt überdauert hat. Hier residieren vereinsbetreute Steg- und Bungalowsiedlungen, Plaste und Pappe in einer gelebten Stilistik, die einem sofort und unmissverständlich klarmachen, dass man ‘das Deutsche’ in dieser Qualität wohl nur noch im Osten findet. Weder Anmut noch Eleganz beleidigen die Voreingenommenheit des mit Boss & Gabbana sozialisierten Wessis. Wobei ich wieder sagen muss und will, dass immer gilt, wo Schatten ist, ist auch ein Licht. Bei einem plötzlich aufbrausenden Gewitter über dem See gewährte man mir hier selbstverständlichen Unterschlupf und spontane Festmachhilfe bei auflandigen 6-7 Windstärken. Unentgeltlich, unbürokratisch und einfach so. Am Wannsee hätte man mich ohne einen gültigen Mitgliedsausweis absaufen lassen. Allerdings nicht ohne anschließend vorschriftsmäßig die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft für die Bergung meines ertrunkenen Egos zu alarmieren.

Eilige Wasser-Jogger fahren dagegen nach dem Schleusen sowieso geradeaus durch den „Silokanal“ und verpassenden den zwar wenig idyllischen „Kleinen Beetzsee“ an Backbord, der aber die erste kurze Etappe auf dem Weg in die überraschend schöne Altstadt von Brandenburg ist. Aber gleich, ob man die seit weit mehr als 1500 Jahren besiedelten Inseln durch die Stadthavel oder über den „Kleinen Beetzsee“ entgegensteuert, es gibt überall gute Liegemöglichkeiten. Einzig denen, die sich samt ihren Aufbauten nicht unter der historischen Steintorbrücke mit ganzen 2,75 Metern Höhe in der Jochmitte durch ducken können, bleibt nur der Weg über die Vorstadtschleuse. In jedem Fall bietet das nette Städtchen Möglichkeiten zu einem ausgedehnten Landgang mit vielen Geschäften zum Erneuern der Nahrungs- und Genussmittelvorräte an Bord. Mit etwas Glück oder per Voranmeldung erhascht man einen Platz am Salzhofufer, heute „Liegeplatz am Slawendorf“. Man erinnert hier mit einigen historischen Bretterbuden liebevoll an die erste Rückübereignungswelle, nachdem die Christen die Siedlung erst aufgegeben und den Slawen überlassen hatten, um später wieder zurückzukehren und ihre alten Rechte einzufordern. Wie man sich damals geeinigt hat, wurde mir bisher noch nicht überliefert, aber höchstwahrscheinlich nicht in der aktuell jetzt so verbreiteten Form eines Gesangswettbewerbs. Der gütige Christ schweigt des Öfteren, wenn es um die Art und Weise geht, mit der er sich hier zur ‘kulturellen Dominanz’ entwickelt hat. Damals wie heute wurde jeweils aufwendig saniert, die letzte Welle der Neuzeit brachte auch Strom und Wasser an die Stege und lädt so zum längeren Verweilen ein. Dabei grenzen die Anlegestellen an ein kleines parkähnliches und „Humboldthain“ getauftes Gelände. Und sind doch nur 5 Gehminuten von der „Jahrtausendbrücke“ entfernt, deren Brückenköpfe beidseitig einen leckeren kleinen Imbiss und einen wirklich guten italienischen Kaffee anbieten. Beides wird gerne von den jüngeren Bewohnern Brandenburgs genutzt und die wenigen Meter runter an die Havel getragen, wo es sich bei schönem Ausblick und gepolsterter Sitzfläche angenehm verweilen lässt.


Die Jahrtausendbrücke in Brandenburg


Wer nicht über die Brücke gehen, sondern in einem gleichermaßen modernen Interieur wie denkmalgeschützten Exterieur speisen möchte, der bleibt vielleicht im „Restaurant am Humboldthain“, riskiert dabei eine manchmal überforderte Küche zwischen gekonntem Handwerk und panischen Überreaktionen, wenn etwa zwei Gäste mehr als erwartet eintreffen. Gleichzeitig, wohl möglich. Das Angebot von etwa 100 Weinen, bei denen die klassischen deutschen Anbaugebiete und Rebsorten dominieren und die von mir so geliebten vollreifen Früchte aus Übersee fast gänzlich fehlen, der Service, der dir nicht immer das Gefühl gibt, das zu sein, was du bist, also Gast, gehört ebenso zum Spieleinsatz, wie die in jedem Fall ein paar Euro mehr auf der Rechnung, als im eher szene-trendigen „Fonte im Fontane-Klub“ direkt an der Westseite der Brücke. Ja, hier schreibt man Club noch mit ‘K’, Essen und Weine sind einfach, aber gut, der Blick von der Terrasse direkt an der Havel wunderschön. Angebote und Atmosphäre suchen und finden hier einen Weg ohne westliche Trends und östliche Traditionen unhinterfragt zu kopieren, was Errungenschaften beider Kulturen nicht ausschließt. Tapas, Tarte Flambee und trockener ungarischer Merlot harmonieren hier in ungewohnter Konstellation. Ein selbstbewusster Ort der ostdeutschen Nachwendegeneration, an dem ich mich immer sehr wohl gefühlt habe und an dem auch preisbewusste Anleger auf ihre Kosten kommen. „BRB“, wie sich die Kreisstadt an ihren Landfahrzeugen abkürzt, bietet neben dem von uns unbesichtigten Christen-Dom und einer sehr gut versteckten Wassertankstelle im Bereich der Stadthavel noch so viel mehr. Aber meistens, das musste ich schon schmerzhaft in meiner Kindheit lernen, kann man nicht alles haben. Auch wenn dabei heute noch manchmal das Bein zuckt, das trotzig auf den Boden stampfen will.

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