Oxly Boote

Fahrt von Berlin nach Ketzin

Berlin - Ketzin - Brandenburg und zurück im Motorboot - Teil 1

Fotos zur Reise: Album

August 2012 @ Thomas Gade

Unser Boot befindet sich am Tegeler See. Wir legen ab und fahren zum Fluss Havel. In der Nähe des Gebäudes der Wasserschutzpolizei in Spandau haben Angler lange Stangen in den Grund des Flusses gestrieben und daran zwei kleine Boote festgemacht. Darin sitzen seelenruhig ein paar Herren neben ihren Angeln. Dieser Wasserabschnitt wird gerne von Ausflugsdampfern für ihre Fahrt in den Tegeler See benutzt. Es wundert uns, dass die Wasserschutzpolizei die Anwesenheit der dort fest liegenden Boote hinnimmt. Die Angler grüßen lässig als wir vorbeifahren. Sie haben die Ruhe weg.


Angler im Boot in der Fahrrinne

Wir fahren die Havel hinauf nach Hennigsdorf. Dort beginnt die Havel-Oder-Wasserstraße, die vom Niederneuendorfer See durch eine Barriere aus versenkten Lastkähnen getrennt ist.

Die ausgetonnte Fahrrinne teilt sich hier. Nach links abbiegend, fährt man in den Havelkanal, der durch die Teilung Deutschlands entstanden ist. Ursprünglich hieß er Kanal des Friedens und wurde von 1951 bis 1952 gebaut. Der Grund dafür war der Wunsch der DDR, seine Binnenschiffe nicht durch Westberlin fahren zu lassen. Der Kanal ist ungefähr 34 km lang. In den vergangenen Jahren seit dem Fall der Mauer hat die Anzahl der Binnenschiffe auf diesem Kanal abgenommen. Die einstige politische Notwendigkeit für diese Wasserstraße ist längst passé. Sie ist relativ schmal und für lange Schubverbände nicht geeignet. Sie fahren vorzugsweise auf der Havel durch Berlin und nutzen die größere Schleuse in Spandau.

Zu Beginn des Kanals befindet sich auf der rechten Seite eine Marina. Links sind moderne Häuser am Wasser mit Liegeplätzen für Boote zu sehen. Die Fahrt auf dem Kanal ist eintönig, aber nicht langweilig. Der sparsame Dieselmotor tuckert zuverlässig. Die Ufer sind von Bäumen gesäumt. Auf der rechten Seite sind gelegentlich Radfahrer zu sehen. Offenbar befindet sich dort ein guter Weg, der auch vor den Inlineskatern benutzt wird. Hin und wieder ist ein Graureiher sichtbar, der am Ufer auf Beute lauert. An einigen Stellen gibt es kurze schmale Sandstreifen. Entweder befinden sich hier Angler, Badende oder Hundehalter, die ihren Tieren Stöcke ins Wasser werfen.

Nach einigen Kilometern erreicht man die Schleuse in Schönwalde. Die Anlegestelle für Sportboote befindet sich auf der Backbordseite. Bei unserem Eintreffen liegen dort mehrere Boote. Es ist kein Platz mehr frei für ein weiteres. Glücklicherweise öffnet sich in dem Moment die Schleuse und die Ampel für Sportboote springt um auf Grün. Wir warten bis die anderen Sportboote, die vor uns dort waren, los gemacht haben und fahren. Wir laufen hinter ihnen in die Schleusenkammer ein.

Wir schleusen ohne ein Binnenschiff und haben reichlich Platz. Die Sportboote verteilen sich links und rechts in der Schleusenkammer. Der Schleusenwart beobachtet unsere Manöver. Er hat nichts dagegen, dass wir den Motor laufen lassen. Meine Begleiterin hat vorne ein Tau um einen Poller gelegt. Mit einem Bootshaken halte ich das Boot hinten parallel zur Schleusenwand. Hinter uns schließt das Tor. Das Wasser beginnt abzulaufen. Wir werden um ca. zwei Meter abgesenkt. Der Schleusenvorgang ist harmlos. Es gibt keine Strudel. Das Boot bleibt brav an der Schleusenwand liegen. Wir haben genug Fender gesetzt, die das Boot vor Berührungen mit der schmuddeligen Schleusenwand bewahren. Vor uns öffnet sich das Tor, die Motorboote laufen aus. Der Kanal verläuft zunächst zwischen zwei deichartigen Erhöhungen. Ein Binnenschiff kommt uns entgegen. Offenbar soll es nach oben schleusen. Dahinter sehen wir ein kleines Motorboot. Durch das Fernglas beobachte ich, wie das kleine Boot hinter dem Binnenschiff Platz findet und nicht auf den nächsten Schleusengang warten muss.


In der Schleusenkammer. Die vorderen Tore öffnen sich.



Einfahrt in die Schönwalder Schleuse

Gelegentlich spannt sich eine Brücke über den Kanal. Es gibt ein paar Marinas an buchtartigen Stellen. ‘Freie Liegeplätze’ steht dort auf Tafeln. Kein Wunder, wer möchte schon so weit abseits sein Boot unterbringen. Bei Wustermark gibt es auf beiden Uferseiten jeweils einen längeren Abschnitt mit stählernen Spundwänden für Binnenschiffe. Ein größerer Komplex, auf dem Panter steht, ist zu sehen. Ansonsten ist nicht erkennbar, aus welchem Grund hier Binnenschiffe festmachen sollen. Dabei sehen die Anlagen neu aus. Es sind keine Relikte aus DDR-Zeiten. Vielleicht steht hier ein größeres Bauvorhaben an? In der Ferne stehen zahlreiche Windkrafträder zur Stromerzeugung. Stromleitungen und -masten prägen die Landschaft. Auf einem ist ein riesiges Nest zu sehen. Vermutlich handelt es sich Horst für Störche. Nach jedem Kilometer steht am Ufer eine Tafel mit der Kilometerzahl. So können wir anhand unserer Gewässerkarte verfolgen, wo wir uns gerade befinden. Wir fahren mit fünf Knoten Geschwindigkeit und erreichen den Sacrow-Paretzer Kanal bei Paretz nach knapp fünf Stunden. Hier stoßen wir auch wieder auf den Fluss Havel. Es ist heiß, 35° Celsius im Schatten, hören wir im Radio. An den Ufern und bei den Sandbänken liegenden Boote. Dort baden Menschen oder stehen regungslos bis zu den Knien im Wasser. Das sieht bei Untiefen, die weit vom Ufer entfernt sind, merkwürdig aus.


Sandbank bei Paretz

Gut, dass wir ein Echolot an Bord haben, das uns vor flachen Stellen warnt und die genaue Tiefe unter dem Kiel anzeigt. Bei Paretz gibt es so eine Stelle, auf der die Leute stehen. Ohne sie als Warnung wäre die Gefahr groß, dass man dort auf Grund läuft. Bei unserer weiteren Fahrt sehen wir immer wieder rasch solche Stellen, die den Einheimischen bekannt sind und bei der Wärme gut besucht sind. Wir erreichen Ketzin. Steuerbord ragt eine Reihe Holzpfähle aus dem Wasser. Sie dienen zur Befestigung von Reusen für die hier ansässige Fischerei.


In der Havel. Holzstangen für Reusen

Die Havel wird von einer Seilfähre durchquert. Sie ist alt und heißt Charlotte. Rumpelnd und klackernd zieht sie sich an einer dicken Kette, die quer durch die Havel verlegt wurde, von Ufer zu Ufer. Gleich neben ihrer Anlegestelle befindet sich das Restaurant ‘An der Fähre’. Direkt davor ist ein langer Steg für Gäste, die mit dem Boot anreisen. Der Verbleib ist kostenlos. Neben dem Steg gibt es eine kleine Badestelle und auf der anderen Seite des Restaurants steht ein Häuschen mit einem modernen WC und Wickeltisch, Waschbecken und verstellbaren Spiegel. Der Raum ist behindertengerecht eingerichtet. Auch Rollstuhlfahrer können hier ihre Notdurft verrichten. Diese besondere Situation scheint sich unter Reisenden mit Wohnmobil herumgesprochen zu haben, denn einige stehen auf der Grasfläche hinter dem Restaurant. Der Service scheint sich auszuzahlen. Die Terrasse des Restaurants ist gut besucht und es ist erkennbar, dass die Gäste nicht aus dem Ort stammen. Bevor wir das herausfanden, fahren wir zunächst weiter, weil wir am Stadtanleger festmachen wollen. Zu unserer Überraschung befinden sich auf dem Wasser vor dem Ketziner Ortskern viele Motorboote vor Anker. Auf ihnen sitzen Menschen, die schnell dahinfahrende Jetskis beobachten. Ausgerechnet am Wochenende des Fischerfestes sind wir dort angekommen, um einen ruhigen Tag zu verleben! Das ist bei dem lauten Treiben auf der Promenade und den vielen anwesenden Booten nicht möglich.


Viel los! Fischerfest in Ketzin

Etwas ratlos wenden wir und überlegen, ob wir nach Werder fahren sollen, doch wäre das eine mehrstündige Fahrt gewesen und es ist bereits fünf Uhr nachmittags. Aufmerksam am Ufer entlangfahrend, entdecken wir den Steg bei der Fähre.


Seilfähre 'Charlotte' auf der Havel bei Ketzin


Liegeplatz an der Havel bei Ketzin

Müde von der Fahrt in der Hitze und noch unter dem Eindruck der überfüllten Innenstadt stehend, gerät unser Anlegemanöver zu einer unkoordinierten Angelegenheit. Ich machte das Boot hinten mit zwei Tauen an zwei Pfählen fest. Während dessen treibt es ohne Fahrt. Dadurch gibt es keine Ruderwirkung. Meine Begleiterin steht vorne mit einem Bootshaken, dessen Teleskopstange sie nicht weit genug rausgezogen hat, um sie einer Person auf dem Steg reichen zu können, die uns beim Halten des Bootes behilflich wäre. Ein anderes Boot liegt quer am Steg und es besteht die Gefahr dass wir mit unserer Spitze gegen seine stoßen. Das macht mich unruhig. Bei laufendem Motor ist die Verständigung zwischen uns schwer möglich. Schließlich gelingt es uns, das Boot sicher festzumachen.

Aber der Moment vergeht schnell. Wir haben so viel Schönes erlebt, da zählt das bischen Stress nicht. Ich gehe kurz in die Havel baden. Das kühle Wasser tut gut. Danach machen wir uns auf, um in die Altstadt zu laufen. Nach einer Wanderung entlang eines Campingplatzes, Lauben und Gärten kommen wir in den Bereich des Fischerfestes. Die Menschen drängen sich auf der schmalen Promenade. Es gibt die üblichen Stände mit alkoholischen Getränken, Softeis und Imbissküche. Auf einer Bühne steht ’Hans die Geige’, ein älterer Musiker mit langen Haaren, der das Publikum lautstark mit Geigenmusik zu beigemischten Rhythmen unterhält. Die Anwesenden scheinen die Musik gut zu finden. Sie klatschen. Jeder Liegeplatz des Stadtanlegers ist besetzt. Uns ist es zu laut und zu voll; wir gehen zurück. Die Sonne ist beinahe untergegangen. Die Hitze läßt nach. Es ist Zeit, ein kühles Bier mit Blick auf die Havel zu trinken und etwas Ordentliches zu essen. Im Restaurant 'An der Fähre' ist ein Tisch frei. Wir nehmen Platz, werden bestens mit Matjes und Bauernfrühstück bedient. Lecker! Das kühle Bier schmeckte klasse. Ein Igel läuft über den Rasen und verschwindet im Schilf. Aber irgendwann kommen die Mücken und es wird Zeit, sich in das Boot zurückzuziehen und früh schlafen zu gehen. Die Fähre die üblicherweise nur bis 20:00 Uhr verkehrt, macht an diesem Tag Überstunden. Ihr Rattern und Klackern ergänzt die akustische Atmosphäre aus dem Gluckern des Wassers, den Motoren der Boote und den Rufen von fliegenden Gänsen.


Abendstimmung. Heissluftballon über der Havel bei Ketzin / Paretz


Havel bei Ketzin. Abendstimmung


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